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    Kolumne #76: Schöner stinken im Norwegerpulli

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    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
    Mehr erfahren Zwischen Balkongrill und Hecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Mit Anne und Ernst verstehen wir uns sehr gut. Eigentlich. Eine kleine Sache allerdings steht seit Jahren zwischen uns, und das ist die Geschichte mit der Raumtemperatur. Immer wenn sie bei uns zu Besuch sind, reißt sich Anne demonstrativ ihren Pulli vom Leib und stöhnt: „Puh, ist das heiß hier! Denkt doch mal an die Umwelt! Wir heizen immer nur auf 17 Grad und ziehen dann dicke Norwegerpullis an.“ Dann beginnt meist eine längliche Diskussion, in der aber im Grunde alle Argumente schon tausendmal vorgetragen wurden.

    Jetzt allerdings haben Anne und Ernst einen neuen Verbündeten, und das ist niemand Geringeres als Robert Habeck. Der Wirtschaftsminister hat zum Energiesparen aufgerufen und erzählt, dass er selbst zum Beispiel seine Duschzeit verringert habe. „Seht Ihr, der Robert sagt das auch mit der Energie“, triumphierte Anne neulich. Völlig ungeachtet der Tatsache, dass sommerbedingt kein einziger Heizkörper lief – schließlich ging es ums Prinzip, und das kennt keine Jahreszeiten. „Sogar unsere Kinder machen mit“, fuhr Anne fort. „Ich habe ihnen schon mal zwei schöne warme Pullis für den Winter gekauft.“ Meine Frau und ich sahen uns an und verstanden uns ohne Worte: Die Kinder, na klar! Sie können stellvertretend für unsere Familie ihren Beitrag zum Energiesparprogramm leisten.

    Einfach hyggelig: Duftende Norwegerpullis für mehr Körperwärme

    Die Tochter zum Beispiel ist bereits perfekt vorbereitet: Wer den lieben langen Tag auf dem Sofa liegend aufs Handy guckt, verbraucht nun wirklich nicht viel Energie (nun ja, außer 3 bis 4 Akkuladungen am Tag, aber hey, wir alle haben Schwächen). Unser Sohn wiederum darf sich darauf freuen, dass wir ihn ab sofort vom verhassten Duschen befreien. Auch dazu gibt es regelmäßige Diskussionen, da das Kind müffelt, aber stur behauptet, es sei noch kein Mensch „erstunken“ – ein Wort, das er sich selbst ausgedacht hat. Aber diese Debatten sind ja jetzt vorbei.

    Ein bisschen Sorge macht uns der Winter, wenn wir alle ungeduscht in unseren dicken Norwegerpullis vor uns hin schwitzen und die Räume mit unseren Ausdünstungen fluten. Es dürfte „hyggelig“ werden, wie man vor ein paar Jahren sagte – mit einer ganz besonderen (Duft)note. Dann wird sich zeigen, ob der Sohn mit seiner Behauptung wirklich recht hat.
    Aber bis dahin ist es ja noch etwas hin. Vor allem geht es darum, Anne und Ernst Paroli zu bieten. Und Prinzipien kennen eben keine Jahreszeiten.

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