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    Kolumne #9: Der Scheibenstreit

    Höchstwahrscheinlich hat der kleine Malte noch nie von der Broken-Windows-Theorie gehört. Malte ist eher Praktiker. Sein Labor ist die Straße, seine Ausrüstung ein Fußball. Und jetzt ist bei Hörmanns eine Scheibe kaputt.

    Porträtbild Klaus Werle
    Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im
    Wechsel mit Autor David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft
    unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus
    zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die
    beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen und Anekdoten unterstützen
    möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Kleiner Junge mit Fußball unterm Arm

    Die Broken-Windows-Theorie wurde von den amerikanischen Sozialforschern James Q. Wilson und George L. Kelling entwickelt. Sie hat einen eher pessimistischen Ansatz und besagt, dass kleine Schäden wie etwa ein zerbrochenes Fenster schnell repariert werden müssen, weil die gesamte Nachbarschaft sonst in eine Spirale des Zerfalls und darauffolgend der Kriminalität gezogen werde. Bald sind alle Scheiben im Haus geborsten, Müll liegt herum, Drogen werden verkauft, marodierende Banden ziehen durch die Straßen. Kurz: Die Apokalypse. Und alles wegen Malte.

    Walter Hörmann wohnt neben Malte und ist ein entschieden un-apokalyptischer Typ. „Kann ja mal passieren, Junge. Kommste am Samstag zum Rasenmähen rüber und Schwamm drüber.“ Alles in Butter also, wäre da nicht Maltes Vater Leif gewesen. Als Soziologie-Professor hat er eine Schwäche für die pädagogischen Effekte von Strafen. „Malte bezahlt die Scheibe von seinem Taschengeld, damit er künftig besser aufpasst“, sagte Leif. Malte fing an zu heulen und die gesamte Nachbarschaft spaltete sich blitzschnell in zwei Gruppen: Die Law-and-Order-Fraktion („Recht so, soll er halt besser aufpassen!“) und das verständnisvolle „Der arme kleine Kerl wollte doch nur Fußi spielen“-Lager.

    Die Verständnisvollen steckten Malte heimlich immer mal wieder ein paar Euro zu. Als Leif das spitzkriegte, beschlagnahmte er den bereits überraschend hohen Betrag und bat in der Whatsapp-Gruppe, bitte von weiteren Spenden abzusehen. Worauf in der Law-and-Order-Fraktion, die es mit Regeln generell sehr genau nimmt, ein Tuscheln einsetzte: Das Geld sei doch für die Scheibe, das könne der Leif ja wohl nicht einfach behalten, oder? Überhaupt, der Sohn zerschießt Fenster, der Vater unterschlägt Finanzmittel – mit der Familie kann doch irgendwas nicht stimmen.

    Das ist also die Bilanz, zwei Wochen nach Maltes Fensterschuss: Die Scheibe ist kaputt, die Nachbarschaft zerstritten, Leif sitzt auf mehreren hundert Euro zweckentfremdetem Spendengeld, und Hörmanns Rasen ist immer noch nicht gemäht. Die Apokalypse lugt um die Ecke. Vielleicht sollte Malte ihr einen Ball an den Kopf knallen, damit sie sich wieder verzieht.

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