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    Kolumne #17: Im Bann der Mausefalle

    Autor David Siems Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Miethaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Drei Feldmäuse im Gras

    Eigentlich war alles perfekt. 25 Grad, eine leichte Brise, die extrem gemütliche Gartenliege unter meinem Rücken, auf dem Schoß das neue Buch von Tommy Jaud und in der rechten Hand meine neueste Entdeckung aus dem Land der endlosen Erfrischungen: Green Espresso-Tonic. Davon hatte noch nicht einmal mein Freund Klaus gehört, der neulich noch damit prahlte, „bereits alles getrunken zu haben und alle Sommerdrinks zu kennen“. Angeber.

    Als das Angebot von einem Kollegen kam, sein Schrebergartenhäuschen für zwei Wochen einzuhüten, sagte ich sofort zu. Beim Thema „Schrebergarten“ galt es für mich, eine Reihe an Vorurteilen abzubauen. Nachbarn, die mit der Nagelschere den Rasen frisieren? Bissige Heckenscheren-Spießer in Deutschland-Trikot und Socken in den Sandalen? Weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen herrliche Ruhe, Vogelgezwitscher und Müßiggang. Bis ich irgendwann dieses eine Geräusch wahrnahm.

    Miiiiieeeeep. Mieeeeeeeep. Mieeeeeeeep. Subtiler als eine Mücke, konsequent wie ein Morgenwecker, blöderweise so schwer zu lokalisieren wie ein US-Tarnkappenbomber. Was war das? Ich legte Buch und Espresso zur Seite, schloss die Augen und konzentrierte mich auf das nervige Quälgeräusch. Ich schlafwandelte zum Gartenzaun des Nachbarn, blickte in das Beet von Stiefmütterchen und fand die Quelle der auditiven Folter: einen knapp 30 Zentimeter langen Stab, der aufrecht aus dem Beet ragte und per Ultraschall-Fiepgeräuschen lästige Wühlmäuse vertreiben soll. Ich zeigte mit dem Finger in das Beet und flüsterte bedrohlich: „Der Schrebergarten ist zu klein für uns beide …“

    Wenige Stunden später. Der Vollmond scheint sanft, ein paar Freunde sind vorbeigekommen, es gibt Getränke. „Hört ihr das?“, frage ich in die Runde. Das Fiepgeräusch ist immer noch da. Wir starten spontan die „Operation Wühlmaus“, schleichen uns zu zweit in den Nachbargarten, ziehen den Stab aus dem Beet und bringen ihn in unsere kleine Hütte. Handy-Taschenlampen gehen an, wie Wissenschaftler beugen wir uns über ein fremdes außerirdisches Lebewesen. Wir lokalisieren das Batteriefach, ziehen zwei AAA-Akkus heraus, robben zurück zum Nachbarn und stecken den Stab wieder ins Beet. Das Geräusch des Todes? Ist endlich verstummt.

    Der nächste Morgen. Ich blicke hinüber, der Stab steckt im Beet. „Operation Wühlmaus“? Niemand hat je davon mitbekommen. Mir geht es prächtig. Jetzt sehe ich eine ältere Dame aus der Hütte kommen. Sie erblickt mich, kommt an den Gartenzaun und fragt: „Hallo! Wir kennen uns noch gar nicht. Hüten Sie hier ein?“ Ich stelle mich kurz vor, bin leicht nervös. Sie sagt: „Haben sie auch Wühlmäuse? Eine echte Plage. Zum Glück habe ich diesen Stab, der macht ein Geräusch und vertreibt die Mäuse. Keine Ahnung, ob das funktioniert, ich höre leider nicht mehr so gut. Stört Sie das?“ Ich zucke mit den Schultern, keine Ahnung, ich bin hier Gast, alles Neuland für mich. Und überhaupt: Welches Geräusch? Die Dame und ich wünschen uns noch einen schönen Tag. Auf dem Weg in die Hütte brandet Euphorie und Zufriedenheit in mir auf, ich mache einmal High-Five mit meinem Spiegelbild. Darauf einen Espresso-Tonic.

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