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    Kolumne#20: Wohnung frei - Millionär gesucht!

    Autor David Siems Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel
    mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft
    unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Miethaus
    zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die
    beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen
    möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Bei uns im Haus ist eine Wohnung freigeworden, was an sich nichts Ungewöhnliches ist. Wie es das Schicksal will, handelt sich a) um die Premium-Loggia im Dachgeschoss (140 Quadratmeter, saniert, Nichtraucher-Haushalt) und b) um ein Objekt der Begierde, das zum VERKAUF steht. Wir reden hier also nicht von der ranzigen Studenten-WG, die ein Stockwerk über mir residiert und wo ich jeden Samstag zum Bundesliga-Gucken eingeladen bin. Seit der Palast im 6. Stock allerdings leer steht, spielen sich merkwürdige Szenen im Treppenhaus ab, die es locker mit einer Folge der Netflix-Serie „Stranger Things“ aufnehmen könnten.

    Sind es Außerirdische? Wohnungsbesichtigung der dritten Art

    So wie letzten Montag, als vor der Haustür eine vierköpfige Familie stand, die mich an eine Mischung aus „Die Geissens“, niederer Kaufmannsadel und grell-colorierter Camp-David-TV-Spot erinnerte. Mit anderen Worten: Emporkömmlinge, die irgendwie an zu viel Geld gekommen waren und in der Eile jegliches Stilbewusstsein auf der Strecke verloren hatten. „Huch, was hat die denn zu mir ins Uni-Viertel verschlagen?“, fragte ich stumm ins Leere, während ich mich an meinen Jutebeutel klammerte und an ihnen vorbei ins Treppenhaus schlängelte. Nach einem kurzen Plausch mit meiner Partnerin war ich schlauer: Satte 1,2 Millionen Euro wurde als Kaufpreis für die Dachgeschosswohnung aufgerufen. Ich musste mich erst einmal setzen und in eine Brötchentüte atmen. Kein Wunder, dass der Country-Club seine wohlhabendsten Mitglieder zur exklusiven Wohnungsbesichtigung entsandt hatte.

    Ozzy Osbourne grüßt aus dem Treppenhaus

    Der Widerstand ließ nicht lange mit ersten raffinierten Aktionen auf sich warten: Während ich von Natur aus eher der neutrale Geist bin, glänzten meine kreativen Studenten-Nachbarn mit genialen Klang-Experimenten. Jedes Mal, wenn jetzt ein wohlbetuchtes Pärchen mit neugierigen Blicken die Treppen emporschwebt, werden meine Nachbarn kurzerhand zu einer Art Heavy-Metal-Zombies mit Tourette-Syndrom. Sie reißen die Tür auf, schreien Unflätiges durchs Treppenhaus und drehen die Stereoanlage bis zum Anschlag auf, damit man Black Sabbath noch lauter hört: „NOW THE TIME IS HERE/FOR IRON MAN TO SPREAD FEEEEEEAAAAAAAAR …“ Beim ersten Mal bekam ich noch einen tierischen Schreck und schaute verängstigt nach, was denn da los sei. Die gute Nachricht: Das Schauspiel ist mittlerweile zur täglichen Routine geworden und sorgt für allerhand verstörende Gesichter bei den fremden Wohlhabenden. Ich kann mir jedes Mal ein Schmunzeln nicht verkneifen. Hatte ich bereits erwähnt, dass die Wohnung nach wie vor zum Verkauf steht?

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