hallo nachbar Navigation
Suche

    Teilen

    

    Kolumne #21: Unangemeldete Nachbarn? Der Horror!

    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
    Mehr erfahren

    Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben
    Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und
    Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen
    heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Wir saßen beim Abendessen, als es klingelte. Vor der Tür stand Anna, die „spontan ein bisschen quatschen“ wollte. Wir baten sie rein, quatschten ein bisschen und waren Tage später noch völlig verstört: Einfach so vorbeikommen bei Nachbarn, wer macht denn sowas? Früher, klar, da gingen Menschen rasch mal rüber zu anderen Menschen, um sich Salz zu borgen oder Waschmittel und ein bisschen über das Wetter zu meckern. Oft enthielten Kochbücher sogar die Rubrik „Wenn überraschend Besuch kommt“. Aber heute gibt es doch WhatsApp! Und E-Mails und Smartphones! So viele Möglichkeiten zu kommunizieren, da muss man doch nicht gleich persönlich aufkreuzen.

    Vorsicht mit mediterraner Geselligkeit!

    In Reisereportagen aus südlichen Ländern sind oft Bilder der Einheimischen in idyllischen Gässchen zu sehen, darunter der Satz: „Auf den Straßen halten die Nachbarn ein gemütliches Schwätzchen.“ Deutsche sind dann immer ganz aufgeregt und berührt angesichts dieser mediterranen Geselligkeit. Aber Vorsicht: Probieren Sie das nicht zuhause! Denn hier sind unangemeldete Besuche inzwischen das nachbarschaftliche Horrorszenario schlechthin. Wir hängen an unseren Terminkalendern und den Monate im Voraus umständlich geplanten Verabredungen. Und haben uns daran gewöhnt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Deshalb bestellen wir Salz bei Amazon Prime, das kommt am nächsten Tag und bis dahin geht es auch ohne das ungesunde Zeug, vielen Dank.

    Gequälter Smalltalk? Nein, danke!

    Bleibt die Frage, was zu tun ist, wenn jemand wie Anne diesen Konsens moderner Nachbarschaft ignoriert. Die Foren im Netz quellen über vor Diskussionen und Tipps. So tun, als wäre man nicht zuhause? Etwas auftischen, ein bisschen Gebäck oder eine Lüge? Oder rasch was Ordentliches anziehen, die Haare richten und einen Prosecco kaltstellen? Das wäre wahrscheinlich das Netteste, steigert aber die Gefahr, sich mit Menschen unterhalten zu müssen, mit denen es höchstens für gequälten Smalltalk reicht. Andererseits: Die Tür gar nicht aufzumachen, ist auch gefährlich. Vor allem im Winter, wenn es draußen dunkel ist, drinnen aber hell, weil alle beim Abendbrot sitzen. Wer da nicht öffnet, ist schnell als eigenbrötlerischer Kauz verschrien.

    Wie du mir, so ich dir

    Nach dem Vorfall mit Anne setzen wir deshalb auf eine andere Strategie: Statt die Haare zu richten, verwuscheln wir sie extra ein bisschen, Stichwort „Out of Bed“-Frisur. Dazu Hemd oder Bluse nur halb zugeknöpft, sodass es aussieht, als wären wir gerade erst hastig und ungelenk hineingeschlüpft. Der Effekt ist verblüffend: Die unangemeldeten Besucher fangen an zu stottern, peinliche Berührtheit schleicht in ihr Gesicht, und sie verabschieden sich schnell wieder. Aber das ist unser exklusiver Trick. Wenn Sie wissen wollen, wie andere reagieren und Lust auf etwas echt Verrücktes haben, dann klingeln Sie einfach mal spontan bei den Nachbarn. Am besten gleich nachher – der frühe Abend ist am besten.

    Wie fanden Sie diesen Artikel?

    ( 0 Bewertungen )
    0
    0
    nach oben