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    Kolumne #26: Als ich mal Weihnachten komplett vermasselte

    Foto: Stocksy
    Autor David Siems Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Autor
    Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe.
    Denn die wahren Dramen spielen im Miethaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten
    und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder
    Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Mit Weihnachten ist es wie mit dem Song „Atemlos“ von Helene Fischer: Die eine Hälfte der Deutschen bekommt beim Gedanken daran glasige Augen vor Glück, die andere Hälfte chronischen Phantom-Schwindel. Bei mir ist es etwas kniffliger: Höre ich irgendwo betrunkene Männergruppen, die beherzt „Atemloooos“ krakeelen, dann stelle ich mich vor Scham gerne tot. Oder wie die Schauspielerin Keira Knightley sagt: „Wenn mich Zweifel übermannen, dann tue ich so, als ob ich in Ohnmacht falle.“ Aber Weihnachten finde ich genial. Ich grüble auch alljährlich, was die Leute mit „Weihnachtsstress“ genau meinen. Kenne ich nicht. Stress macht man sich ja meisten selber. Nur einmal ging Weihnachten ziemlich in die Hose, nämlich als ich für die Nachbarskinder in die Rolle von Santa Claus schlüpfte.

    Das Kostüm roch streng nach Senioren-Wohnheim

    In der Theorie klang die Idee eigentlich ganz gut: Am späten Nachmittag des 24.12. bei meinen Nachbarn Gabriel und Svenja an die Tür klopfen, die verdatterten Kinder Luis und Carla mit einer kleinen Santa-Performance beeindrucken, Geschenke aus dem mitgebrachten Sack überreichen, fertig. Fünf Minuten Showtime für eine Flasche Rotwein. Über den Deal musste ich nicht lange nachdenken, sogar das Kostüm hatte Gabriel vorher besorgt. Das Problem: Ich hätte vorher mal eine Generalprobe machen sollen. Das Weihnachtsmanndress aus 100 Prozent feinstem Polyester roch stilecht nach uraltem Großvater aus dem Altersheim und wurde in den vergangenen zehn Wintern anscheinend nie gewaschen. In die verbeulte Hose hätte ich doppelt reingepasst, und der zerfledderte Bart erlebte nur Dank Büroklammern und Tesafilm seinen letzten Auftritt. Egal, würde schon irgendwie klappen.

    Santa-Showtime im Treppenhaus

    Als ich an die Tür klopfte und ein obligatorisches „Ho, Ho, Ho!“ in feinstem Bariton vortrug, öffneten die Kinder zögernd die Tür. Ich wollte gerade zu einem improvisierten Monolog in Santa-Slang ansetzen, als die vierjährige Carla krakeelte: „Du bist nicht der Weihnachtsmann, das sehe ich an deinen Schuhen. Außerdem riechst du ganz komisch.“ Auch Luis musterte mich mit zerknitterter Stirn und zeigte dezent auf meinen Bart, der sich an der linken Seite gerade in seine Einzelteile auflöste. Im Hintergrund sah ich Papa Gabriel, der sich abbückte vor Lachen und mit beiden Händen ein T formte. Timeout, Abbruch, Ende der Operation Weihnachtsmann. Ich warf schnell noch den Geschenkesack vor die Wohnungstür, wünschte hastig „Frohe Weihnachten!“ und eilte das Treppenhaus hinunter. Zwei Stockwerke tiefer hörte ich von oben wie eines der Kinder lamentierte: „War das David? Wie peinlich war das denn, bitte?“ Okay, ich hatte es vermasselt. Ich nahm mir vor: Bei der nächsten Begegnung mit den Kindern würde ich mich streng an Keira Knightley halten – und einfach so tun, als würde ich in Ohnmacht fallen.

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