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    Kolumne #30: Eine demokratische Nachbarschaft? Nur mit Linsensuppe!

    Es gibt da eine komische Sache zwischen unseren Nachbarn und uns: Wir reden mit Alex und Mila nie über Politik. Legendäre Gitarrenriffs, Tulpenblüten, Kaffeesahnevarianten – alles Gesprächsthemen. Parteien, die Kanzlerin, Donald Trump – no way. Wir haben das nie formal beschlossen, aber es passiert einfach nicht. Ragt ein Thema zu nah an politische Gefilde, dann fragt Mila, ob noch jemand Kaffee wolle und der Spuk ist vorbei.

    Foto: © Stocksy United
    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
    Mehr erfahren Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Wie vorbildlich wir vier uns verhalten, hat die Harvard-Professorin Nancy Rosenblum bestätigt. In ihrem Buch „Good Neighbours“ schreibt sie, dass Nachbarn Themen wie Religion oder Politik ausklammern, um ihre Beziehung zu schützen. Diese Beziehung, so die Autorin, übersieht bewusst Dinge wie berufliche Stellung, politische Ansichten oder ethnische Herkunft. Das mache Nachbarschaften eben wahrhaft demokratisch. 

    Gute Nachbarschaft braucht konfliktfreie Zonen – etwa den Esstisch

    Eine gute Sache also – nur dass die schöne Harmonie bisweilen etwas aus dem Tritt gerät. Wie neulich bei den Kommunalwahlen. Wir trafen Alex und Mila auf dem Weg ins Wahllokal, sodass das Thema gewissermaßen gesetzt war. Weil Mila keinen Kaffee zum Ausschenken dabei hatte, versuchte sie, das Gespräch auf unpolitisches Terrain zu lotsen: „Also, diese Hundebesitzer werden immer dreister. Neulich hat mich ein Schäferhund fast umgeworfen, der natürlich ‚einfach nur spielen‘ wollte.“ Da hatte Mila die Rechnung leider ohne meine Frau gemacht. „Hunde brauchen Auslauf, das weiß doch jeder. Dieser Leinenzwang zeigt nur einmal mehr den nervigen Verbotsstaat.“ Und, schwups, kamen wir über Verbote zu Ordnungspolitik, zu Wahlprogrammen und zu einzelnen Parteien. Auf den fünf Minuten Fußweg zum Wahllokal erfuhren wir vier mehr über unsere jeweiligen politischen Ansichten als in all den Jahren davor – und viel mehr, als wir überhaupt wissen wollten.

    Als wir durch die Tür traten, war die Stimmung frostig. Wir machten unsere Kreuze, warfen die Umschläge in die Urnen und stapften wortlos zurück. Kurz vor unserem Haus sagte Alex: „Kommt doch noch mit rein. Es ist noch Linsensuppe von gestern übrig.“ Was er aber wirklich meinte, war: „Lasst uns diese blöde Sache für immer vergessen.“

    Wir verstanden, aßen die Linsensuppe, Mila konnte endlich Kaffee ausschenken. Wir waren wieder glücklich. Wie Nancy Rosenblum schon sagt: Unter Nachbarn zählt am Ende nur eins: Dass sie gute Nachbarn sind.

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