hallo nachbar Navigation
Suche

    Teilen

    

    Kolumne #34: Die himmlische Rache des Golfballs

    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
    Mehr erfahren Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Wir haben gerade eine kleine Krise mit Alex und Mila. Kein richtiger Streit, eher eine Art Verstimmung. Wie eine schlecht geölte Fahrradkette, die knirscht und kracht, bevor sie schließlich bricht. Womit wir auch schon bei der Ursache sind: Unsere Nachbarn haben jetzt E-Bikes. Eigentlich eine gute Sache. Wir könnten zusammen Touren machen, meine Frau und ich fahren auch gerne Rad. In der Prä-E-Bike-Ära hatten wir das auch ein paarmal vorgeschlagen, aber Alex und Mila sind eher die Typen, die unter körperlicher Aktivität den Weg vom Parkplatz zum Eiscafé verstehen.

    Genauer gesagt: So waren sie. Jetzt, mit den E-Bikes, sind sie eher wie Tour-de-France-Sieger unterwegs. Vor ein paar Wochen trafen wir uns zufällig vorm Haus. Meine Frau sagte: „Wie nett, alle vier auf Rädern. Wollen wir mal einen gemeinsamen Ausflug machen?“ Alex warf einen mitleidigen Blick auf unsere konventionellen Räder, und Mila antwortete: „Du, nicht böse sein, aber ich fürchte, wir haben ein ganz anderes Verständnis von Tempo als ihr.“

    E-Bikes vs. Golfschläger: Wer wird beim Nachbarschaftsduell gewinnen?

    Eine kleine Weile lebten die beiden dieses andere Verständnis noch in der Umgebung aus, mit „lockeren Tagestouren um die 120 Kilometer“ (Mila). Doch rasch wurde ihnen Norddeutschland zu eng, schließlich die ganze Republik. Inzwischen schwärmen sie von E-Bike- Touren über den marokkanischen Atlas oder durch Kathmandu. Denn das ist der Vorteil der Elektro-Drahtesel: Sie verleihen dem Reisen exakt die Note sportlicher Betätigung und Achtsamkeit, die es gesellschaftlich wieder akzeptiert macht. Bei oft überschaubarer körperlicher Anstrengung, versteht sich.

    Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht – für Alex und Mila sind wir schlicht zu langsam. Deshalb haben wir beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen. Neulich fiel mir wieder ein, dass die beiden früher mal Golf gespielt haben. Wir haben jetzt auch einen Kurs gemacht und arbeiten jedes Wochenende verbissen an unseren Abschlägen und Puts. Wenn schon langsam, dann mit Stil. Und mit einem klaren Ziel: Eines Tages werden wir von unserem neuen Hobby erzählen. Alex und Mila werden dann fragen, ob wir nicht mal eine Runde zusammen spielen wollen. Und daraufhin wird meine Frau sagen: „Du, sorry, aber ich fürchte, wir haben ein ganz anderes Verständnis von Handicap als ihr.“ Den passenden mitleidigen Blick übt sie schon regelmäßig vor dem Spiegel.

    Wie fanden Sie diesen Artikel?

    ( 0 Bewertungen )
    0
    0
    nach oben