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    Kolumne #37: Ab an die Hecke!

    Foto: © GettyImages / David Freund
    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Hecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemenschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Wenn Alex und ich quatschen wollen, stellen wir uns mit einem Bier in der Hand an die Hecke und warten auf den anderen. Die Hecke ist aus Buchsbaum, trennt unsere Gärten genau in der Mitte und wird von beiden Seiten regelmäßig akkurat beschnitten. Sie ist knapp brusthoch, was bei Unterhaltungen ein wohliges Thekengefühl aufkommen lässt. Alex und ich lieben diese Hecke.

    Meine Frau allerdings zeigt weniger Verständnis. „Wenn Ihr schon Bier trinken müsst“, zetert sie, „warum setzt Ihr Euch dann nicht wenigstens mit Gläsern auf die Terrasse wie zivilisierte Menschen? Ich versteh das nicht.“ Alex‘ und meine Augen werden dann immer ganz groß. Gläser? Zivilisierte Menschen?? Ganz offensichtlich fehlt meiner Frau der Sinn für das klassisch-maskuline Savoir-Vivre. Nun allerdings hat die aktuelle Entwicklung ein Einsehen mit dem männlichen Teil der Gartenquatscher.

    Smalltalk an der Hecke: Aus Nachbarn werden Verbündete

    Ohnehin wird ja die ganze Nachbarschaftskiste durch die Corona-Krise gerade frisch belebt: Menschen singen gemeinsam auf Balkonen oder gehen für andere einkaufen. Es ist wie ganz früher, als Nachbarn Verbündete waren und nicht Leute, die man anmaulte, weil ihr Grill zu stark qualmte.

    Vor allem aber erleben unsere Hecken-Treffs eine glorreiche Bestätigung. Denn der Buchsbaum ist exakt 1,5 Meter breit. Da Alex und ich jeweils ein paar Zentimeter davon entfernt stehen, kommen wir insgesamt ziemlich genau auf den vorgeschriebenen zwischenmenschlichen Abstand von zwei Metern. Und da man ja sonst kaum noch soziale Kontakte pflegt, treffen wir uns immer häufiger am Buchsbaum. Sogar ohne Bier, denn sonst wären bei mehreren Plauderstündchen täglich kleinere Koordinationsausfälle unvermeidlich.

    Doch ob mit oder ohne Getränk: Diese Treffen haben etwas Beruhigendes, ja Therapeutisches. Alex sagt dann zum Beispiel: „Kommt spät dieses Jahr, der Apfel.“ Ich nicke bedeutungsvoll. Oder ich sage: „Vielleicht bestelle ich eine neue Heckenschere“, worauf Alex behutsam über den Buchsbaum streicht, als ob er ihm vor dem Schneiden nochmal gut zureden wolle.

    Meistens aber machen wir nicht viele Worte. Sondern schauen von unserem Posten aus voller Genugtuung auf die Terrasse. Dort sitzen manchmal Mila und meine Frau. Den Mundschutz unters Kinn geschoben, die Stühle weit voneinander entfernt, nippen sie an irgendwelchen bunten Getränken. Es sieht so unentspannt aus, dass Alex und ich ein Lachen nur mühsam unterdrücken können. Und auch nur so lange, bis einer sagt: „Da sitzen sie, die zivilisierten Menschen.“ Dann prusten wir doch los – und prosten uns zu.

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