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    Kolumne #43: Anleitung für Smalltalk-Quickies

    © Getty Images
    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Hecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Neulich traf ich Alex zufällig auf der Straße. An sich keine bemerkenswerte Sache, doch etwas war diesmal anders: Irgendwie fiel uns nichts ein, worüber wir reden konnten. Die Sonne schien (kein Grund also, auf das Wetter zu schimpfen), es war Samstag (kein Grund, über die Arbeit zu meckern), und alles andere hatten wir am Abend zuvor bei einem Glas Wein schon durchgenudelt. Also nickten wir uns nur kurz zu und gingen weiter.

    Wieder so eine Sache, die früher vielleicht einfacher war. Als noch nicht jeder alle Details der aktuellen Weltlage per Push-Nachricht bekam. Als Tratsch noch Tratsch war und nichts Schmutziges. Aber heute? Worüber sollen Nachbarn reden, die sich im Treppenhaus oder auf dem Gehweg zufällig begegnen?

    Für alle, denen es ähnlich geht, deshalb hier ein paar Drei-Minuten-Klassiker fürs Treppenhaus. Ein Best-of der Smalltalk-Quickies, gewissermaßen. Vorab ein kleiner Spoiler: Geld, Religion und Politik sind tabu. Gut ist dagegen der Dauerbrenner Wetter. Zwar ist das Thema an sich meist recht schnell durch („Sauwetter heute, oder?“ – „Yep!). Aber es ist ja auch nur der Startschuss für einen ganzen Blumenstrauß möglicher Erweiterungen.  

    Urlaub, Wetter, Nachbarn: Smalltalk für Einsteiger

    Zum Beispiel Urlaub: „Bei dem Regen krieg ich richtig Lust auf Ferien. Habt Ihr schon Pläne?“ Oder Streaming: „Das ist heute fast so heiß wie in dieser einen Netflix-Serie, wo sich diese Familie plötzlich in der Wüste wiederfindet.“ Oder lustige Anekdoten: „Das erinnert mich an unseren Ausflug damals, als wir stundenlang im Schneetreiben auf der Berghütte festsaßen.“ Wem das Wetter nicht originell genug ist, der kann auf das Offensichtliche ausweichen. Die Kleidung etwa („Sehr schicke Schuhe, so welche suche ich schon lange. Wo hast Du die gekauft?“) oder auf die Umgebung („Die neue Haustür von Müllers ist wirklich schön geworden, oder?“) Viele Menschen schämen sich, über solche banalen Beobachtungen zu sprechen – doch als Eisbrecher sind sie unschlagbar.

    Die Grundregel für Smalltalk-Quickies ist: Das Thema sollte positiv sein – oder beide Gesprächspartner in ihrer negativen Sicht vereinen. Wie beim dritten Treppenhaus-Klassiker: dem gemeinsamen Ärgernis. Startpunkt kann hier alles mögliche sein: Von Stadtplanung („Also, mit der Baustelle an der Ecke könnten sie ja auch langsam mal fertig werden.“) über Gerüche („Hier riecht es seit einigen Tagen ziemlich penetrant nach Fisch“) bis zum weiten Feld der Fauna („Die Wespen machen mich in diesem Jahr noch verrückt“). Wichtig ist nur: Der Smalltalk sollte eine gemeinsame Ebene zwischen den Gesprächspartnern eröffnen.

    Ist diese Ebene allerdings schon vorhanden, wie etwa zwischen Alex und mir, dann kann einvernehmliches Schweigen mitunter das beste Smalltalk-Thema sein. Denn schon am nächsten Tag hatten wir beide unsere Irritation überwunden und standen souverän zu unserer Einfallslosigkeit: Wieder nickten wir uns nur kurz zu, diesmal aber nicht verlegen, sondern knapp und herzlich. Wir wussten ja: Das nächste Glas Wein kommt bestimmt. Und da würden wir dann in die Details gehen.

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