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    Kolumne #44: Hippies im Homeoffice

    Foto: GettyImages
    Autor David Siems Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de. 

    Mein Nachbar Mario ist bekennender Kunstliebhaber. Neulich erzählte er mir aus aktuellem Anlass von einer Ausstellung im Kunstmuseum Linz, die im Oktober 2012 zu sehen war. Sie trug den ironischen Namen „Vollmilch“ und beschäftigte sich mit Bärten. Richtig gelesen, Bärten. Eine haarige Angelegenheit mag man meinen. Mario zitierte aus dem Ausstellungstext: „Während im Unterschied zur wuchernden Behaarung der ,Wilden’ und Deklassierten der gepflegte Bart jahrhundertelang als Symbol von Macht, Würde und Weisheit verstanden wurde, dient der Bart von heute vor allem als Ressource des Selbstausdrucks.“

    Heutige Spötter könnten meinen: Der Bart ist Ausdruck der Verwahrlosung. Bei mir in der Nachbarschaft lässt sich nämlich seit ein paar Monaten ein interessantes Phänomen beobachten. Alle Männer, die im coronisierten Homeoffice arbeiten, entdecken plötzlich den inneren Höhlenmenschen in sich und lassen sich Vollbärte wachsen, auf die jeder Ayatollah stolz wäre.

    Ich habe mich dem aktuellen Modetrend in der Nachbarschaft natürlich angeschlossen, Stichwort Macht, Würde und, äh, Weisheit. Kurioserweise werden der ebenfalls zugewachsene Mario und ich bei der kleinen Plauderei an der Mülltonne jetzt häufiger von unseren seniorigen Nachbarn mit längeren Anekdoten versorgt. Gabriele und Karl-Heinz wollten neulich gar nicht mehr aufhören, als sie von ihren Erinnerungen an die späten 60er-Jahre erzählten: das Hippie-Leben in der „Kommune 2“, Studentenrevolte in Paris, Che Guevara und Fidel Castro! Den leuchtenden Augen begegneten wir ganz tiefenentspannt: Keine Sorge, wir werden keine Revolution in der Nachbarschaft anzetteln.

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