hallo nachbar Navigation
Suche

    Teilen

    

    Kolumne #23: Lebensmittel online bestellen? Gott bewahre!

    Foto: shutterstock
    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
    Mehr erfahren

    Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt
    Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft 
    unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm
    Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Alex und Mila gehen nicht mehr einkaufen, weil Einkaufen irgendwie spießig und total Siebziger ist. „Auto waschen, Rasen mähen und dann zum Supermarkt wie unsere Eltern – sorry, das ist wirklich nicht meine Vorstellung von einem gelungenen Samstag“, sagt Mila. Dabei rollt sie mit den Augen, was verächtlich aussehen soll, aber doch eher an ein Eichhörnchen auf Speed erinnert. Trotzdem hat sie natürlich recht: Lange waren wir in der Nachbarschaft weit vorne, weil wir Samstags zum Einkaufen MIT DEM RAD fahren. Heute ernten wir dafür bestenfalls ein herablassendes Lächeln.

    Einkaufen gehen? Schnee von gestern!

    Denn wer auf sich hält, bestellt seine Lebensmittel selbstverständlich online bei REWE oder gleich bei Amazon Fresh. „Das ist total easy“, sagt Mila, „der Computer weiß ja immer, was ich vorher bestellt habe und schlägt dann zum Beispiel wieder die gleiche Menge Milch vor.“ Mich erinnert das immer ein bisschen an meine Kindheit, als in regelmäßigen Abständen ein weißer Transporter vor dem Haus hielt und ein Ruf wie Donnerhall durch die Räume schallte: „Der Eismann ist da!“ In meiner kindlichen Vorstellung war der Eismann eine Art kleiner Bruder des Weihnachtsmanns. Denn dem Transporter entstieg meist ein bereits etwas gesetzterer Herr mit würdigem Auftritt, und nach jedem seiner Besuche strotzte der Tisch vor den erlesensten Leckereien. Obendrein gab es eine glückliche Mutter, die nicht kochen musste. Eine Win-Win-Situation, wie man heute sagen würde.

    Crémant, Trüffel – und Toilettenpapier?

    Bei Alex und Mila hingegen klingelt fast immer der gleiche erschöpfte junge Mann und trägt eine Wagenladung Tüten in ihr Haus. Das ist zumindest der Plan. Wie sich nämlich herausstellt, ist die Sache mit dem jungen Mann oft nicht ganz so easy wie die mit der Milch. Man kann zwar das Zeitfenster der Lieferung eingrenzen, aber manchmal steht der Bote trotzdem vor verschlossener Tür. Dann landen Milas Tüten bei uns. Was nervt, aber auch ein lustiges Rätselspiel ist: Warum haben die beiden zum Beispiel Crémant und Trüffelschinken bestellt – gibt es etwas zu feiern? Oder acht Packungen Toilettenpapier – müssen wir uns Sorgen machen? „Und immer diese vielen Chips-Tüten …“, sagt meine Frau, „also bei Milas Figur wäre ich da ja etwas zurückhaltender“. Wir sprechen das nie an, wenn Alex rübergetrottet kommt, um die Sachen abzuholen. Das gehört sich schließlich nicht. Aber natürlich denkt man sich so seinen Teil, als spießige Nachbarn.

    Wie fanden Sie diesen Artikel?

    ( 0 Bewertungen )
    0
    0
    nach oben