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    Kolumne #31: Gefangen in der Nachbarschaft

    Als Kind habe ich mich oft gefragt, wie es wohl wäre, reich zu sein. In einem Haus mit Tennisplatz, Swimming-Pool und Hausangestellten zu leben, die sich um Garten, Einkäufe, Hunde und Kinder kümmern. Gardensitter, Shopsitter, Dogsitter, Babysitter. Was wäre das wohl für ein Leben? Und wer wären dann wohl meine Nachbarn?

    Foto: shutterstock
    Autor David Siems Der Kolumnist
    Mehr erfahren In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Miethaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder
    Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de. 

    Womit wir bei meiner alten Schulfreundin Nina wären, die ich neulich das erste Mal nach vielen Jahren beim Abi-Treffen in die Arme schloss.

    „Wo warst du die letzten Jahre?“
    „In Dschidda.“
    „Dschidda?“
    „Ja, Dschidda, in Saudi-Arabien. Größte Hafenstadt des Landes. Marius hat dort den neuen Flughafen entworfen.“

    Ich konnte mir gerade noch BER-Witze über vermaledeite Flughafenplanungen verkneifen, als mir allmählich dämmerte, dass Ninas Mann Marius wohl eine ziemlich große Nummer in der internationalen Flughafeningenieur-Szene sein musste. Vor meinem geistigen Auge sah ich meine alte Schulfreundin, wie wir in der 8. Klasse gemeinsam in der Raucherecke auf dem Pausenhof standen und in unseren kaputten Hosentaschen nach Münzen für Zigaretten suchten. Jetzt hielt sie gemeinsam mit Marius exklusive Audienz beim Scheich, während Palmenwedler für eine frische Brise sorgten und gebücktes Dienstpersonal erlesene Teesorten kredenzten. Wahrscheinlich.

    „Wo habt ihr da gewohnt? In einem Palast?“
    „So ähnlich. In einer Gated Community.“
    „Gated Community?“
    „Eine Siedlung. Für Europäer und Amerikaner. Mit einem vier Meter hohen Mauer drum herum. Wir hatten ein Haus mit Pool. Jeden Tag kam Putzpersonal. Und um die Ecke war ein Tennisplatz.“

    Wahnsinn. Was für ein Leben. Ich stellte mir vor, wie paradiesisch das Leben gewesen sein muss und gab Nina auch zu verstehen, dass ich ein bisschen neidisch wäre. Zu meiner Verwunderung konnte sie meine Euphorie nicht teilen.

    „Es war wie im Gefängnis. Ein Leben, wie in einem Hochsicherheitstrakt. Einheimischen sind wir so gut wie nie begegnet, und die anderen Europäer in der Gated Community fühlten sich leider auch nicht besonders wohl. Es war sehr anonym, alle wollten zurück nach Europa. Wir sind froh, dass wir wieder zurück in Deutschland sind.“

    Ich musste mich erst einmal sammeln. Allmählich dämmerte mir, dass ein Leben in einer Gated Community wahrscheinlich auch nichts für mich wäre, trotz der Privilegien. Das größte Privileg ist es wahrscheinlich, in einer Nachbarschaft zu wohnen, in der man morgens gerne aufwacht und abends gerne von der Arbeit zurückkehrt. Tennisplatz? Haus mit Pool? Kann ich doch alles innerhalb von 15 Minuten mit dem Fahrrad erreichen. Ich freue mich viel mehr auf den nächsten Grillabend mit meinen Nachbarn, in lauer Sommernacht. Dann auch mit Nina und Marius. Ich bin jetzt schon gespannt darauf, wie ihm meine BER-Flughafenwitze gefallen.

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