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    Kolumne #35: Nachbarschaftsfest per Videokonferenz?

    Foto: stocksy
    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemenschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Dass unser Nachbarschaftsfest nicht abgesagt wurde, verdanken wir Boris. Unser Nachbar aus Nummer 38 ist einer dieser Menschen, die Kopfschmerzen kriegen, wenn sie nicht mindestens drei Dinge gleichzeitig organisieren können. Er macht irgendwas mit IT, während der Homeoffice-Wochen verbrachte er ganze Tage in Videokonferenzen. Als einmal eine Konferenz ausfiel, nutzte Boris die Zeit, um in unserer WhatsApp-Gruppe ein virtuelles Nachbarschaftsfest vorzuschlagen. Die Begeisterung war sofort groß, doch auch die Bedenken flatterten schnell über die Bildschirme: Wie sollte das technisch gehen? Gibt es ein Programm? Und was ist mit dem Nudelsalat?

    Wichtige Fragen, doch dafür hatten wir ja Boris. Er installierte überall WLAN-Verstärker, gab per Telefon geduldig Anweisungen zum Herunterladen der Software und leitete die Bandproben im Video-Chat. Und was den Nudelsalat betrifft: Wenn vor dem Bildschirm mit Bier angestoßen werden kann, sagte Boris, warum dann nicht auch etwas essen? Flugs organisierte er als Höhepunkt des Fests den Nudelsalat-Contest. Bewertet würden Zutaten, Farbe und der allgemeine Look.

    Virtuelles Grillen: Keiner streitet um das beste Steak

    Als der große Tag da war, bot sich ein interessantes Bild: In den Gärten und auf den Balkonen qualmten die Grills, flankiert von Nudelsalat-Schüsseln auf der einen und Laptops auf der anderen Seite. Durch die kleinen Lautsprecher der Notebooks klang die Band etwas scheppernd und viele vermissten das satte Klacken, das entsteht, wenn eine fröhliche Runde ihre Bierflaschen aneinanderstößt. Doch die kleinen Unzulänglichkeiten wurden mehr als wettgemacht durch die vielen Vorteile: Kein Streit ums beste Steak (jeder grillte für sich), keine peinlichen Gesprächspausen (bei so vielen Leuten redet immer irgendjemand), kein Gezanke um die wenigen Sitze (jeder hatte seine eigenen).

    Schließlich war es soweit: Jeder Haushalt hielt stolz den persönlichen Nudelsalat in die Kamera, im Chat trudelten die Wertungen ein und Boris rechnete sie penibel zusammen. Am Ende gewann knapp Bernhard aus Nummer 117, was ein bisschen überraschend kam, da ihn niemand auf der Favoritenliste hatte. Sarah stänkerte ein bisschen in der Kommentarspalte rum, dass sie Bernhards Nudelsalat vergangenes Jahr „leider“ probiert habe und fügte zur Illustration ein sehr unappetitliches Emoji hinzu. Doch Boris löschte den Kommentar umgehend und alle konnten sich weiter gut gelaunt ihren Bieren widmen.

    „Eigentlich viel stressfreier als sonst“, resümierte meine Frau, als wir in den frühen Morgenstunden den Bildschirm zuklappten. Ich war so überrascht von dieser plötzlichen direkten Ansprache eines echten Menschen, dass ich zuerst nicht wusste, was ich antworten sollte. Dann fiel es mir ein: „Schreib das am besten in den Feedback-Bogen“, sagte ich. „Boris schickt ihn morgen rum.“

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