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    "Die lieben Nachbarn": Fußball als Horrorshow

    Fußballgucken mit den Nachbarn? Für Kolumnist Klaus Werle in der neuen Ausgabe von „Die lieben Nachbarn“ keine wirklich gute Idee.

    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen deutscher Nachbarschaften unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Beim Spielen, so heißt es, zeigt sich der wahre Charakter. Mit Blick auf unsere Nachbarn ließe sich ergänzen: Beim Spiele-Schauen zeigt er sich noch viel mehr. Die Rede ist natürlich von Fußball, der Sportart, die auf so merkwürdige Weise Menschen vor dem Bildschirm versammelt, die mit Sport gar nichts am Hut haben. Alex und Mila zum Beispiel sind klassische Vertreter der „Eigentlich mach ich mir nichts aus Fußball, aber…“-Fraktion. Mit Bundesliga kann man sie jagen, aber steht die Champions League oder gar eine WM ins Haus, dann sind sie die ersten, die Chips und Bier kaufen. Und sich besorgt erkundigen, ob denn der Fernseher auch groß genug sei.

    Hysterie vor dem TV-BIldschirm

    Und das ist nur der Anfang. Denn ist das Spiel erstmal angepfiffen, mutieren unsere an sich äußerst umgänglichen und netten Nachbarn zu wahren Monstern. Es ist, als wären sie plötzlich Mr. Hyde – nur mit Deutschlandschal und Bierdose in der Hand. Alex, im Alltag ein Ausbund an Ausgelassenheit, ergeht sich am laufenden Band in zynischen Kommentaren und boshaftem Spott: „Ja klar, warum auch reinschießen, wenn man direkt vorm Tor steht …?“ Aus Prinzip ist Alex immer gegen den Favoriten – und lässt keine Gelegenheit aus, das zu verdeutlichen. Mila dagegen wirft, sobald der Ball rollt, ihren eher zurückhaltenden Charakter ab wie die Raupe ihren Kokon – und wird zur Fan-Furie. Hektisch auf dem Sofa auf und ab springend, feuert sie „ihre“ Mannschaft (selbstredend IMMER der Favorit) an, bis sie vor Erschöpfung keuchend auf den Fußboden sinkt und das Spielende meist nur noch in einer Art Wachkoma miterlebt.

    Nach dem Spiel ist vor dem Spiel?

    Diesen Zustand der Apathie überwindet sie allerdings stets rechtzeitig zur „Spielanalyse“. So nennen sie und Alex den heftigen Streit nach dem Schlusspfiff: „Nie im Leben war das ein Elfer! – lern‘ erstmal die Regeln, Du Schwachkopf!“
    Meine Frau und ich verlassen die Kampfarena irgendwann, ohne dass es den beiden Streithähnen auffallen würde. Bang schauen wir auf die nächste Begegnung mit Alex und Mila – doch am Morgen danach sind beide wieder wie ausgewechselt. „Sehr netter Abend gestern mit Euch“, rufen sie fröhlich und unisono über die Gartenhecke, „lasst uns das bald mal wiederholen. Ihr wisst ja: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!“ So ist es, aber genau deshalb suchen wir für den nächsten großen Fußballabend lieber fieberhaft eine Ausrede. Wir brauchen mal eine Pause von den verbalen Blutgrätschen unserer Nachbarn.

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