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    Kolumne #52: Zornige Nachrichten meines Nachbars

    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Hecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Ein gutes Stück die Straße runter wohnen Marc und Elise. Sie haben einen großen Garten, bei dem nicht ganz klar ist, wo er aufhört und wo der öffentliche Bereich beginnt. Weshalb Marc, der einen gewissen Hang zur Pedanterie hat, regelmäßig Ermahnungen ausspricht. In der Nachbarschafts-Whatsapp-Gruppe postet er dann Dinge wie „Gerade bei diesem nassen Wetter wäre es nett, wenn Ihr auf dem Weg zum Bus nicht alle durch unseren Garten laufen würdet. Hier sieht’s aus wie nach einer Schlammlawine. Danke!!!“ Die anderen Gruppenmitglieder ignorieren Marcs Post meist geflissentlich. Sie kommentieren nicht, sie liken nicht, und selbstverständlich laufen alle weiter durch den Garten. Ist einfach kürzer.

    Analoge Nachrichten am Baumstamm

    Frustriert von der ausbleibenden Resonanz besann sich Marc auf ein eher traditionelles Mittel der Kommunikation: Er tippt jetzt Zettel. Die steckt er dann in Klarsichthüllen und heftet sie an Bäume. Eigentlich etwas zu sehr old school, doch siehe da – es wirkt. Marc bekommt inzwischen zahlreiche Kommentare zu seinen Vintage-Posts. Es ist zwar etwas mühsam, den Zettel aus der Hülle zu fummeln, ohne Tisch etwas draufzuschreiben und ihn wieder zurückzufummeln – aber offenbar sind die Leute des Digitalen so überdrüssig, dass sie dankbar sind für jede analoge Kommunikation.

    Auf Marcs letztem Zettel stand: „Leute, das ist hier keine Deponie. Bitte ladet Euren Mull woanders ab!!!“ Die ersten zwölf Kommentare bezogen sich auf die fehlenden Ü-Tüpfelchen („Da fehlen die Pünktchen auf dem Ü!“, „Was soll denn Mull sein??“). Nachdem das geklärt war, wurde es inhaltlich. Einige verwahrten sich empört gegen Marcs Unterstellung, andere malten boshafte Emojis, wieder andere machten den an sich sehr konstruktiven Vorschlag, doch bitte einen Mülleimer aufzustellen. Rasch füllte sich der Zettel, ein anonymer Helfer tackerte einen zweiten Zettel dran, dann einen dritten und vierten. Ein recht ansehnlicher Thread entstand, der jedem Social-Media-Manager zur Ehre gereicht hätte.

    Back to the roots: Endlich wieder Müll sammeln

    Nur Marc war nicht zufrieden. Zwar beeindruckte ihn die Interaktionsrate – doch in seinem Garten landeten weiterhin zerknüllte Taschentücher, Chipstüten und alte Kaugummis ohne Ende. Und auf die Kommentare musste er auch jeden Tag antworten, was auf die Dauer etwas anstrengend wurde, vor allem seit das Wetter wieder abkühlte. Irgendwann nahm Marc die Zettel wieder ab und kehrte zu den Whatsapp-Nachrichten zurück. Dort bekommt er nach wie vor keine Reaktionen. Was er inzwischen aber zu schätzen weiß – denn so muss er auch keine Antworten mehr schreiben. Die so gewonnene Zeit kann er sinnvoller nutzen. Zum Beispiel um den Müll im Garten wegzuräumen. 

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