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    Kolumne #53: Die Corona-Kneipe meines Nachbarn

    Foto: shutterstock
    Autor David Siems Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Mein Nachbar Olli hatte dann irgendwann genug von den schlechten Nachrichten. Alle Kneipen und Bars waren jetzt seit einem Jahr geschlossen, das Feierabendbier gab es aus der Dose von der Tankstelle und das Rauchen hatte er sich mittlerweile komplett abgewöhnt. Doch jetzt wollte er die Lockdown-Stufe 2.0 zünden. Genug mit der Zurückhaltung, Schluss mit der dauerhaften Entwöhnung, hinfort mit der Tristesse. „David, ich bring jetzt endlich wieder ’n büschen Zunder in unseren grauen Alltag“, fabulierte er neulich noch am Telefon. Ich befürchtete bereits, Olli wäre zum Corona-Leugner mutiert und würde jetzt enthemmte Partys ohne Mundschutz und Hygieneregeln schmeißen. So wie früher, als wir regelmäßig im wunderbar stickigen Partykeller seiner Eltern in einer klebringen Melange aus Rauch, Alkohol und Axe-Deo feierten. Es sollte (fast) noch besser kommen.

    Seine Idee: In die Garage hatte er mit Europaletten eine Bar gebaut, inklusive Zapfhahn und Spülbecken. Das technische Equipment unserer früherer Studentenband wurde zum Soundsystem umgewandelt. „Two people – one party“ stand mit Kreide auf einer kleinen Tafel geschrieben. Olli hatte alles genau durchdacht. Über einen befreundeten Arzt hatte er zwei Dutzend Corona-Schnelltests ergattern können, die er jetzt, zur Freude der Nachbarschaft, zum Einsatz bringen wollte. „Wer Party machen will, ruft bei mir an. Dann machen wir einen Schnelltest. Fällt der negativ aus, kannst du 60 Minuten bei mir feiern. Inklusive Musik und Getränke. Die Kosten teilen wir dann. Zwei Leute sind ’ne Party. Genial, oder?“

    Schneller Test, schnelle Musik, schnelle Getränke

    Die Idee mussten wir natürlich gleich ausprobieren. Hoch lebe der Pioniergeist! Stäbchen in die Nase, umrühren, 15 Minuten warten. Das Testergebnis fiel negativ aus – dann konnte die Zwei-Mann-Party ja losgehen. Wir starteten gemütlich mit Bier und Jazzmusik, wechselten zu Gin und HipHop und forcierten das Tempo mit Wodka und Metallica. Unter Alkoholeinfluss sind 60 Minuten ja nur ein Wimpernschlag. Als der Timer auf Ollis iPhone anzeigte, dass uns nur noch fünf Minuten blieben, schalteten wir nochmal in den Sprintmodus: Drei Kurze für jeden, der wummernde Bass von Daft Punks „One More Time“ massierte uns die Ohren, und sogar Zigaretten hatten wir auf einmal irgendwoher gezaubert. Nach 60 Minuten bimmelte der Alarm und wir schwankten nach draußen an die frische Luft. Wir waren schwer angeschlagen und konnten uns grad noch auf den Beinen halten. Ich musste mich schnell hinlegen. Ich wankte die Treppenstufen hoch und schlüpfte in mein Bett.

    Am nächsten Nachmittag rief ich Olli an. Nach zwanzig Mal tuten nahm er endlich ab. Die Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. „Alter, was war DAS denn gestern …?“ „Hat doch Spaß gemacht“ murmelte ich, „wann steigt die nächste Party?“ Stille am Ende der Leitung, dann ein langes Seufzen: „Ich muss erst mal wieder nüchtern werden. Das waren harte 60 Minuten. Lass uns mal frühestens nächsten Monat wieder über das Projekt sprechen …“ Einmal im Monat Corona-Party mit legalen Mitteln? An den Gedanken könnte ich mich gewöhnen.

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