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    Kolumne #62: Vinyl, das kleine Gold unter Nachbarn

    Foto: shutterstock
    Autor David Siems Der Kolumnist
    Mehr erfahren In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Es soll im Zeitalter von Musikstreaming, Spotify, Apple Music, Deezer & Co. tatsächlich noch Menschen geben, die einen CD-Player nicht nur als nostalgischen Deko-Gegenstand im Wohnzimmer verstauben lassen, sondern ihn auch aktiv nutzen. „Haha, wie gestrig!“, unken da viele fortschrittsgewandte Musikhörer. Nun ja, ich gehöre auch zu den Nostalgikern, aus ganz verschiedenen Gründen. Meine CD-Sammlung, die im Wohnzimmer ziemlich genau den Platz eines Billy-Regals einnimmt, ist für mich so etwas wie das Koordinatensystem oder das Logbuch meines bisherigen Lebens. Meine Frau sieht das naturgemäß anders, für sie ist das „Platzverschwendung“.

    Auf den Spuren von Hollywoodstar John Cusack

    Ähnlich wie Rob Gordon im Film „High Fidelity“ (gespielt von John Cusack), der seine Plattensammlung in chronologischer (nicht alphabetischer) Reihenfolge sortiert, habe ich schon mehrfach mit dem gleichen Gedanken gespielt. Mit 16 war ich unsterblich in ein Mädchen namens Chandra verliebt, das Album „A Hard Days Night“ von den Beatles war mein Soundtrack dazu. Mit 20 reiste ich nach Südamerika, entdeckte brasilianischen Bossanova und Caetano Veloso, der fast eine komplette CD-Reihe einnimmt. Mit 29, als mein Sohn geboren wurde, kam auch das Gesamtwerk von Jazz-Gitarrist Django Reinhardt hinzu. In den vergangenen Jahren kaufe ich allerdings kaum noch CDs – obwohl sie doch eigentlich so ein wunderbar handliches Medium sind.

    Womit wir bei meinem eigentlichen Problem sind: Mein CD-Player mag nicht mehr. Ächzt, quietscht, rauscht – und spielt nur noch Silberlinge ab, die nicht älter als fünf Jahre alt sind. Man mag es ihm nachsehen, meine Frau hat ihn Anfang der Neunziger zur Konfirmation (!) geschenkt bekommen. Beim gestrigen Gang in den Elektronikfachmarkt sagte der Verkäufer: „CD-Player? Kommen frühestens im November wieder. Werden zwar noch hergestellt, aber wegen Corona aktuell nicht geliefert.“ Mein Frust stieg ins Unermessliche!

    Platten, CDs, Streaming: Musik kennt keine Grenzen

    Spendender Trost ereilte mich prompt auf dem Nachhauseweg: Mein Nachbar Jupp, mittlerweile 79 Jahre alt, stand mit einem Karton voller Schallplatten in seiner Haustür. „Die bring ich jetzt zu Second-Hand-Willy. Bekomme ich bestimmt noch 20 Euro für!“, frohlockte er. Ein flüchtiger Blick in den Karton versetzte mich umgehend in Unruhe. Beatles, Joan Baez, Caetano Veloso – und Django Reinhardt. Diese Vinyl-Schätze durften nicht in fremde Hände gelangen! „Ich gebe dir 30 Euro und lade dich heute Abend zu mir nach Hause zum Essen ein. Deal?“, fragte ich. „Abgemacht“, sagte Jupp.

    Am Abend kochte ich für uns ein Risotto, wir tranken Weißwein dazu und legten nach und nach die Schallplatten auf, die er nicht mehr haben wollte. Meinen Kummer ob meines CD-Players hatte ich da schon längst vergessen. Ich sollte stattdessen über ein neues Regal für meine wachsende Plattensammlung nachdenken.

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