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    Kolumne #3:
    Unter Neubau-Ninjagos

    Porträtbild Klaus Werle
    Der Kolumnist
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    In unserer neuen Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit Autor David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Ja, man kann sich die Fliesen im Bad, die Ecke für den Kamin und manchmal sogar den Grundriss der Zimmer selbst aussuchen. Der eigentliche Vorteil von Neubauten aber ist, sagt mein Freund Paul: Das Haus steht zwischen zahlreichen anderen Neubauten, in denen Nachbarn mit ihren selbstgewählten Fliesen leben. Sowie, viel wichtiger, mit ihren Kindern, die meist ähnlich alt sind wie die eigenen. Das garantiert Spielkameraden für die lieben Kleinen sowie ortsnahe Aufpasser, wenn die Eltern abends in die Oper wollen.

    Kinder liegen auf dem Boden und schauen fern

    Wie Pauls Nachbarn, die neulich Lust auf „Rigoletto“ hatten und den kleinen Torben rüber zu Paul schickten. Seine Frau war auf Dienstreise und Paul lud mich ein. „Wir bringen die Racker ins Bett und dann ist Männerabend“, hatte er gesagt. „Das wird lustig!“
    Das wurde es wirklich. Beim Abendessen beichtete erst Pauls Sohn Finn seinen verhauenen Mathetest, während der gleichaltrige Torben mit beeindruckender Kenntnis des Einmaleins glänzte („Wenn ich drei Wurstbrote esse und auf jedem sind vier Scheiben, dann kann ich zwölf Scheiben Wurst essen“). Anschließend erkundigte er sich nach dem Netflix-Passwort: Es sei jetzt höchste Zeit für seine drei allabendlichen Folgen „Ninjago“. Paul hat kein Netflix, und sein Sohn Finn darf nur am Wochenende fernsehen. Eine Stunde, die „Sendung mit der Maus“. Torben hielt einen euphorischen Impuls-Vortrag zu Ninjago, und Finn war sofort begeistert von den waffenschwingenden Lego-Figuren. Den Rest des Abends war Paul damit beschäftigt, die Rebellion seines Sohnes gegen „den blöden Papa mit seinen blöden Fernseh-Regeln“ niederzuschlagen. Amüsiert lauschte ich dem Schlagabtausch, behaglich mit einem Bier in der Kaminecke sitzend.

    Noch immer schmunzelnd erzählte ich am nächsten Tag zuhause vom Clash der nachbarschaftlichen Erziehungsmethoden. Dabei übersah ich ein kleines Detail: Unser Sohn, für den ähnliche Fernsehregeln gelten wie für Finn, lauschte gebannt. In der Schule schlaute er sich dann bei seinen Klassenkameraden auf und verkündete abends, dass „Ninjago“ seine neue Lieblingsserie sei. Drei Folgen täglich seien das Mindeste. Die Rebellion ist jetzt auch hier. Vielleicht werde ich ein paar Tage zu Paul ziehen, bis das Schlimmste überstanden ist. Oder öfter mal in die Oper gehen. „Rigoletto“ soll gut sein, hab‘ ich gehört.

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