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    Kolumne# 20: Nachwuchs im Tindergarten

    Foto: © Stocksy United/Guille Faingold
    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Die lieben Nachbarn

    Als Luisa sagte, sie wolle jetzt tindern, haben wir postwendend unser Netflix-Abo gekündigt. Luisa wohnt gegenüber und ist eine lebensfrohe Person, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Also war klar: Luisa auf Tinder – das schlägt die beste Netflix-Serie.
    Tatsächlich vergingen nur wenige Tage, bis in der WhatsApp-Gruppe die ersten süffigen Anekdoten zu lesen waren: Über einen Typen, der sein Tinder-Profil mit einem alten Foto von Richard Gere ausgestattet hatte, sich in echt aber als „kurzgewachsener Waldschrat“ (Luisa) entpuppte. Über den Herrn, der zwei Stunden lang über Taubenzucht parlierte und anschließend grußlos das Café verließ. Ein anderer beichtete ihr über einem frisch gebrühten Pfefferminztee, dass sein Vater Taliban sei. Oder der Autonarr, der Luisa ausführlich auseinandersetzte, welche Frau welcher Automarke ähnelt – und mit dem Satz schloss: „Du bist im Grunde ein Dacia.“ Klar, auch die ein oder andere geglückte Verabredung war dabei. Doch ob im siebten Himmel oder im „Alle Männer sind Schweine“-Modus – Luisa ließ die Nachbarn an jeder Wendung in ihrem Liebesleben teilhaben.

    Luisa und Max: Auf den Spuren von Shakespeare

    Kompliziert wurde es, als sie Max datete. Denn der wohnt auch in der Nachbarschaft. Sie lösten das Problem, indem sie in getrennten WhatsApp-Gruppen über ihre Treffen berichteten. Wer wie wir das Glück hatte, in beiden Gruppen dabei zu sein, konnte allabendlich Dramen shakespearschen Formats auf dem Smartphone verfolgen, mit Updates in immer kürzerer Folge, gegenseitigen Schmähungen und Fotos vom romantischen Versöhnungsabendessen. Es war herrlich und wir verfolgten gebannt jede Staffel. Bis plötzlich beide Gruppen zeitgleich geschlossen wurden, denn Luisa und Max hatten beschlossen zu heiraten. Wenig später posteten beide ein Bild von Luisas Babybäuchlein, und die gesamte Nachbarschaft ging auf die Suche nach Geschenken für das erste Tinderkind.

    Tinder in der Nachbarschaft – kann das gut gehen?

    Vielleicht haben Luisa und Max hier einen Trend gesetzt. Tinder in der Nachbarschaft – das verbindet die digitalen Möglichkeiten mit den Vorteilen geographischer Nähe. Keine verstohlenen Flirts auf Gartenfesten mehr und keine langen Anfahrtswege zum Rendezvous. Wenn alles gut läuft, kriegt das Kind von Luisa und Max also bald viele kleine Spielkameraden – und die Nachbarschaft einen echten Tindergarten. Bis es so weit ist, haben wir aber erstmal Netflix wieder abonniert. Die vorerst letzte Staffel von „Luisa und Max“ ist jetzt ja leider vorbei.

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