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    Kolume #18: Welche kulinarischen Vorlieben haben wohl die Nachbarn?

    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Festlich gedeckter Tisch für mehrere Gänge.

    Jetzt haben wir also den Salat. Nein, falsch: Keine Ahnung, ob wir den Salat haben werden, oder ein veganes Grillbüffet oder Hors d’oeuvres, das ist alles noch offen. Sicher ist: Unsere Nachbarn Alex und Mila kommen zum Abendessen. Und zwar nicht wie sonst, wo wir im Garten quatschen und dann jemand spontan vorschlägt, doch zusammen Pizza zu bestellen oder rasch ein paar Würste auf den Grill zu werfen. Nein, Mila und meine Frau hatten die Idee, dass es doch „supernett“ wäre, sich einmal ganz klassisch zum Abendessen zu verabreden. Mit fester Uhrzeit und angemessener Kleidung und so. Und damit fing der Schlamassel an. Denn wir haben nicht den blassesten Schimmer, wie ein formelles Dinner mit Menschen aussieht, die wir beinahe täglich sehen, aber immer höchst unformell. In abgeschnittenen Jeans beim Unkrautjäten oder laut fluchend, weil dieser verdammte Dübel einfach nicht dahin will, wo er soll.

    Ist ein teurer Chablis eventuell zu dick aufgetragen?

    Nicht, dass es im Internet an Rezepten mangeln würde. Von Jakobsmuschel-Ceviche mit Mango-Avocado-Salat über Hühnchen-Vanille-Spieß mit Karotten-Dip bis hin zur amerikanischen Bratwurst- und Bratkartoffelpfanne ist alles dabei. Das Problem ist eher atmosphärisch: Auf welchem Level soll das Ganze passieren? Das fängt schon beim Wein an: Wirkt ein schnöder Grauburgunder zu knauserig? Oder kommt ein teurer Chablis umgekehrt zu angeberisch rüber? Und dann das Essen: 50er-Jahre-klassisch mit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse? Modern mit internationalem Cross-Culture-Flair? Oder doch lieber streng regional, wegen Ökobilanz und so? Oder mal eine ganz neue Perspektive: Was mögen eigentlich Alex und Mila?

    Sag mir, was du isst und ich sag dir, wer du bist

    Die Wahrheit ist: Wir wissen es nicht. Alex nimmt immer die Pizza Salami, Mila die Rucola, manchmal mit Prosciutto. Weitere Details: unbekannt. Daher haben wir einige Tage lang versucht, mit kleinen Alltagsbeobachtungen kulinarisches Profiling zu betreiben. „Alex hat doch dieses teure Jagdmesser – wahrscheinlich mag er Wild“, sage ich dann. Und meine Frau sagt: „Neulich hat Mila ein Meloneneis bestellt – ich glaube, sie mag Früchte.“ Es war ein mühsames Stochern im Nebel, das uns ratloser denn je zurückließ. Die Lösung kam dann ganz unerwartet. Alex stand mit abgeschnittener Jeans am Gartenzaun, wir plauderten ein wenig, und plötzlich sagte er: „Also, wegen unseres Dinners am Wochenende …“ Zögern, Kopfkratzen. „Naja, Mila ist ganz verzweifelt. Seit Tagen überlegt sie, was sie anziehen soll, aber sie hat keine Ahnung, wie formell Ihr das seht. Wir hatten sogar schon einen kleinen Streit deswegen.“ Wir nickten teilnahmsvoll, und Alex kam zum Punkt: „Wollen wir das Ganze nicht einfach vergessen und lieber gemütlich Pizza bestellen?“ Erleichtert stimmten wir zu. Dann holte ich den Chablis aus dem Keller. Passt sicher gut zu Rucola.

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