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    Kolumne #16: Im Irrgarten des Geschmacks

    Porträtbild Klaus Werle
    Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben
    Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und
    Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen
    heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder am Gartenzaun.

    Kitschiger Springbrunnen im Garten

    Geht es um Nachbarn, ist viel zu oft von strapazierten Nerven die Rede. Der Hund bellt zu laut, der Grill qualmt zu stark, der Rasen wird sonntags gemäht, solche Sachen. Dabei sind die meisten Nachbarn wirklich nett. Unsere Nachbarn Alex und Mila zum Beispiel. Sie teilen mit uns die Begeisterung für eine gepflegte Gartenlandschaft. Wuchernde Hecken, Unkraut, verdorrte Blumen? Nicht mit Alex und Mila!

    Das Problem ist: Alex und Milas Verständnis von gärtnerischer Ästhetik ist in einigen Punkten, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Wir mögen unseren Garten natürlich – Alex und Mila dagegen sind Deko-Fans. Wobei „Fans“ es nicht ganz trifft; „Besessene“ käme der Sache schon näher. In ihrem Vorgarten haben sie eine Skulptur aus nicht weniger als acht Männern und Frauen aufgestellt – lebensgroß in weißem Marmor und nackt. Ihr großer Garten hinter dem Haus ist gepflastert von Springbrunnen mit LED-Beleuchtung in sämtlichen denkbaren Farben. Nachts sieht es dann aus, als wäre eine Gemeinschaftsparty von Ludwig XIV. und Harald Glööckler aus dem Ruder gelaufen. Mitten auf der akkurat gestutzten Rasenfläche prangt eine hüfthohe Deko-Schale in Rosa, deren acht Beine wie die Fangarme eines Oktopus gestaltet sind. Und das sind nur die „Highlights“, wie Mila es nennt.

    Nun lebt gute Nachbarschaft nicht zuletzt von ruhigem Blut – weshalb wir das Absurditätenkabinett im Garten nebenan stillschweigend ertrugen. Bis zu jenem Tag vor drei Wochen, als Alex und Mila uns aufgeregt zu sich winkten und begeistert auf ein Streicherquintett zeigten. Mannshohe Instrumente, gefertigt aus rostigem Metall, mit Farbklecksen in Neongrün und einer Art schreiendem Lila „pfiffig aufgewertet“, wie Mila sagte. Wir murmelten unser übliches „Ach, wie nett“, doch das wurde der Situation nicht im Ansatz gerecht. „Für Euch“, sagte Alex mit vor Freude bebender Stimme. „Wir wissen doch, wie gern Ihr Musik mögt“, ergänzte Mila. Ich konnte fühlen, wie der Herzschlag meiner Frau kurz aussetzte, und auch mir wurde plötzlich übel. „Äh, danke, aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, war alles, was wir stammeln konnten. „Was machen wir jetzt mit dem Schrott?“, zischte meine Gattin, während wir den Trumm ächzend auf unser Grundstück schleppten. Ich zuckte ratlos mit den Schultern.

    Wir überlegten drei Tage und drei Nächte lang. Im Morgengrauen der dritten Nacht hatten wir endlich eine Idee. Wir kauften einen großen Eimer weiße Farbe und baten unseren kleinen Sohn, sie nach Herzenslust auf dem Streichquintett zu verteilen. Dann warteten wir, bis Alex und Mila nach Hause kamen, stürzten in den Garten und schimpften unseren Sohn lauthals und kräftig aus. „Ich fürchte, bei uns ist das Kunstwerk nicht sicher. Der Junge hat nur Unsinn im Kopf“, sagte meine Frau entschuldigend zu Alex und Mila, die neugierig aus dem Haus gekommen waren. „Hey, aber in Eurem Garten würde das toll aussehen“, sagte ich. „Die Farbe machen wir natürlich vorher wieder ab.“

    Alex und Mila nickten glücklich. Und wir gingen mit unserem Sohn ein Eis essen. Ein riesengroßes, wie versprochen.

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