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    Kolumne#19: Filmfestspiele an der Hauswand

    Autor David Siems Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel
    mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft
    unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Miethaus
    zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die
    beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen
    möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Die Idee klang in der Theorie eigentlich ziemlich genial: Ein Privatkino für die Nachbarschaft. Aber fangen wir von vorne an. Als im vergangenen Sommer die Handwerker anrückten, um unsere Hausfassade einzurüsten, machten wir bei uns im Mietshaus erst einmal ziemlich lange Gesichter. Vor allem, als am zweiten Tag das fertige Baugerüst mit einer schneeweißen Plane bedeckt wurde und mich fortan das Gefühl beschlich, als wäre ich der Wirt eines tödlichen Virus, der mit allen Mitteln unter Quarantäne gehalten werden muss. So wie in einem Blockbuster-Zombie-Kinofilm. Mein Nachbar Christoph stöhnte „drei Monate kein Tageslicht in der Wohnung …“, als wir uns zufällig bei den Mülltonnen trafen. Ich versuchte es sportlich zu sehen und zitierte einen meiner ganz persönlichen Kinohelden Rocky Balboa: „Es geht im Leben nicht darum, wie viel du austeilen, sondern wie viel du einstecken kannst.“

    Das Privatkino zum Selbermachen

    Die Durchalteparole schien bei Christoph Wunder zu wirken: Eine Woche später klingelte er spät abends, kam aufgeregt ins Wohnzimmer und sagte mit leuchtenden Augen: „Wir machen ein Freiluftkino – auf der Hauswand!“ Ich wartete auf die Pointe, doch es kam keine. Ich wies ihn dezent darauf hin, dass unser Haus komplett eingerüstet sein, wie er denn auf so eine blöde Idee, außerdem sei es schon spät, also bitte, da ist die Tür. „Verstehst du denn nicht, wie nehmen die weiße Gerüstplane als Leinwand!“, jubelte Christoph, „meinen Beamer davor, ein paar kühle Getränke und natürlich Popcorn. Ein Filmabend für alle Nachbarn!“ Wow, ich war baff. So eine kreative Idee hatte es hier Haus noch nie gegeben. Zumindest noch nicht, seitdem ich hier wohne. Bereits am nächsten Abend hingen wir die Einladung ins Treppenhaus: „Sneak Preview – Überraschungsfilm. Samstag, 21 Uhr, auf unserer Hauswand. Bitte alle kommen!“

    Film ab: „Manche mögen’s heiß“ vs. „Der weiße Hai“

    Das Setting am darauffolgenden Wochenende war perfekt: Ein klarer Nachthimmel, angenehme Temperaturen, ein startklarer Beamer und ein neugieriges Publikum (etwa zwei Dutzend Nachbarn). Der Fehler lag, wie so oft, im Detail. Bei der Filmwahl hatte ich für „Manche mögen’s heiß“ plädiert, Christoph wollte aber unbedingt „Der weiße Hai“ zeigen. Und das sollte nicht gut gehen. Die selbsternannten Cineasten im Publikum klatschen Beifall, als der Film startete, blöderweise hatten wir aber die Anwohner hinter uns vergessen, die auf der anderen Straßenseite wohnten. Dort öffneten sich immer mehr Fenster, wo schlaflose Kinder gebannt auf unsere Do-it-yourself-Kinoleinwand starrten. Spätestens in der Szene, als die Frau auf der Luftmatratze vom weißen Hai – naja, sie wissen schon – mussten wir die schöne Filmnacht leider abbrechen. Empörte Anwohner stellten uns zur Rede, wie könnten wir denn nur, reif für die Klapsmühle, das nächste Mal kommt die Polizei und wo ist denn überhaupt die Erlaubnis. Puh. Was für ein Flop. Um die Wogen zu glätten, verlegten wir den Kino-Abend auf unbestimmte Zeit. Bislang hat er noch nicht stattgefunden. Wahrscheinlich zeigen wir dann „Findet Nemo“. Wie sagte man früher: Ein Film für die ganze Familie.

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