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    Kolumne #27: Doppelkopf - das Spiel der streitenden Nachbarn

    Gibt es eigentlich diese Namensschilder aus Ton noch, die pseudogetöpfert und handgemalt neben der Haustür hängen, gerne mit dem Satz „Hier wohnen, lachen und streiten Kerstin, Michael, Finn und Anna“? Wir haben uns bislang erfolgreich gegen ein solches Schild gewehrt. Wenn wir aber eines hätten, wäre darauf keine naive Kinderzeichnung einer Familie zu sehen, sondern ein Kartenspiel.

    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
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    Zwischen Balkongrill und Thujahecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Im Bann der schicksalsträchtigen Doppelkopf-Karten

    Seit ein paar Monaten spielen wir Doppelkopf mit Alex und Mila. Wie man weiß, ist Doppelkopf das perfekte Spiel für Paare, die gerne streiten und dabei am liebsten Publikum haben. „Wie kannst Du jetzt die Herz 10 spielen? Bist Du blöd, oder was?“ So geht’s oft los, es folgen Schreierei, Tränen und empörtes Aus-dem-Raum-Stürmen. Spielen Paare aus der Nachbarschaft zusammen, wird die Sache noch gesteigert, weil man sich ja am nächsten Tag wieder über den Weg läuft und die sachliche Diskussion vom Vorabend wieder aufnehmen kann: „Hättest Du Trottel bei der Ramschrunde früher Kreuz gespielt, hätten wir gewonnen. Das gab richtig Punkte, du Penner!“

    Friedliche Verabschiedungen der Nachbarn? Gibt es nicht mehr

    Wie fast alle Menschen zeigen Alex und Mila beim Doppelkopf eine ganz andere Seite von sich, und es ist nicht unbedingt ihre schokoladigste. Die sonst so sanfte Mila wird plötzlich zur kalten Analytikerin, die Alex in schneidendem Tonfall vorhält, warum sein Spielzug eben von allen denkbaren der dümmste war. Alex wiederum, obwohl im wirklichen Leben eher der rationale Typ, versäumt keine Gelegenheit zu betonen, dass Doppelkopf ja „in erster Linie ein Glücksspiel“ sei und es deshalb gar nichts bringe, großartige Strategien zu verfolgen oder mitzuzählen. Worauf wiederum Mila mit größter Zuverlässigkeit ausrastet.

    Seit wir mit dem Kartenspiel begonnen haben, kann ich mich an keinen Abend erinnern, der mit einer friedlichen Verabschiedung an der Haustür geendet hätte. Aber an sehr viele, an denen noch lange wütendes Gebrüll von gegenüber zu hören war oder noch ewig in der WhatsApp-Gruppe über Spielzüge gestritten wurde. Deshalb haben wir auch noch immer keins dieser Tonschilder. Dabei haben wir sogar mal überlegt, für die Doppelkopf-Runde eines anzuschaffen. Aber dann fiel uns auf, dass wir von den schildertypischen Verben eigentlich nur eins draufschreiben könnten: Streiten.

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