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    "Die lieben Nachbarn": Acoustic Distancing

    Was tun, wenn die Kinder in Nachbars Garten mal wieder für akustischen Ausnahmezustand sorgen? In der neuen Ausgabe von „Die lieben Nachbarn“ schreibt Klaus Werle seine Gedanken dazu auf.

    Porträtbild Klaus Werle Der Kolumnist
    Mehr erfahren Zwischen Balkongrill und Hecke: In der Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt Klaus Werle im Wechsel mit David Siems die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen heute vorm Gemeinschaftsfahrstuhl oder dem Gartenzaun.

    Als die Sache mit den Kontaktsperren und den Schulschließungen begann, lernten wir unseren Garten wieder richtig zu schätzen. Die Kinder spielten draußen Fußball und polterten über das Trampolin, nur ab und an musste eine verirrte Frisbee-Scheibe vom Garagendach evakuiert werden. Kleines Problem: Nicht nur wir haben einen Garten und Nachwuchs, unsere Nachbarn auch. Und so lernten wir die Kinder der anderen plötzlich deutlich intensiver kennen als wir uns das jemals vorgestellt hätten.

    Zum Beispiel den kleinen Ben von Baumanns. In normalen Zeiten sehen wir Ben abends kurz durchs Wohnzimmerfenster beim Playstation-Spielen. Konzentriert schaut er auf den Bildschirm, ein netter kleiner Junge. Der jedoch draußen Garten unversehens zu einer Art Luftsirene auf zwei Beinen mutierte. „Mamaaa, mein Ball ist weg! Mamaaa, kann ich die Jacke ausziehen? Mamaaa, ich hab‘ Duuuurst!“ So ging es im Minutentakt und in einer Tonfrequenz, die die Vasen im Wohnzimmer zum Klirren brachte. „Keine Sorge“, sagte meine Frau am Abend von Tag 1, „seine Eltern werden ihm schon sagen, dass er nicht so laut brüllen darf, der arme kleine Kerl muss sich ja auch erstmal an die neue Situation gewöhnen“.

    Akustisches Armageddon im Nachbargarten

    Darauf warte ich heute noch. Ist aber auch nicht mehr so wichtig, da Ben längst vom Lärm-Thron gestürzt wurde. Denn Ben schreit nur, Elisa aber heult. Mindestens so oft wie Ben brüllt, aber drei Mal so laut. Alex von gegenüber schwört, dass der Riss in der Esszimmerscheibe auf Elisas Konto geht. Das Kind ist sehr ehrgeizig; klappt etwas nicht wie geplant, beginnt Elisa ansatzlos zu weinen. Dann muss die Sache solange wiederholt werden, bis es endlich klappt. Eine mühsame Angelegenheit, denn mit jedem Versuch wird Elisa nervöser, ihr Scheitern wahrscheinlicher und das Heulen schriller. Einmal brauchte sie 17 Versuche, den Weg bis zur Terrasse auf Stelzen zu laufen ohne umzufallen. Beim 17. Mal drückten alle Nachbarn im Umkreis von zwei Kilometern die Daumen, damit sie endlich die Ohrenstöpsel wieder ausziehen konnten.

    Neulich kam dann, was kommen musste: Bens Fußball landete in Elisas Garten und zerstörte die kleine Hütte, die sie aus Ästen für ihre Puppen gebaut hatte (12 Versuche). Das anschließende Gebrüll als Zusammentreffen von King Kong und Godzilla zu beschreiben, würde dem Getöse nicht annähernd gerecht. Es war ein akustisches Armageddon. Danach beschlossen wir, die Kinder erstmal nicht mehr in den Garten zu schicken sowie Fenster und Türen strikt geschlossen zu halten. Wir nennen das „Acoustic Distancing“.

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