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    Kolumne #42: Auf schmerzvoller Wanderschaft

    Mein Nachbar Karsten sah mal wieder vom Allerfeinsten aus. Robuste Wanderschuhe, luftige Multifunktionshose und sportlich legeres High-Tech-Shirt aus „besonders schweißrobustem Material“. Dazu der passende Sonnenhut aus dem örtlichen Trekkingladen. Als ich ihn Sonntagfrüh beim Gang zum Bäcker auf der Straße traf, wirkte er auf mich wie ein einfarbiges Gesamtkunstwerk in Beige. Irgendwo zwischen Ulknudel Helge Schneider und Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg. „Ich gehe heute Wandern. Lüneburger Heide. Willst du mit?“, fragte er mich. Ich nahm dankend an. Hatte ich ihm doch neulich noch von der heilenden Wirkung eines Microadventures erzählt, also von einem Kurztrip ins Grüne.

    Foto: GettyImages
    Autor David Siems Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de. 

    Das Wandern ist des Müllers Frust

    Leider erleben auch selbsternannte Profis mal einen gebrauchten Tag. Bei der Anfahrt in die Lüneburger Heide erzählte ich noch großspurig, welche vermeintlichen Abenteuer ich alle schon auf mich genommen hätte: Vulkanbesteigung in Nicaragua, Schlangenbegegnung im brasilianischen Dschungel oder Bergsteigen in den chilenischen Anden! Die 30 Kilometer durch die Lüneburger Heide würde für mich heute zum Spaziergang werden. Leider zu früh gefreut: Die rechte Sohle meines langjährigen Wanderschuhs löste sich bereits nach zehn Minuten, gefolgt von einem Wespenstich in die (kein Witz) Achselhöhle und einem verknacksten Fuß beim Überqueren einer Furt. „Läuft bei dir!“, kommentierte Karsten süffisant, als wir Picknick machten.

    Microadventure: Eine Frage des Outfits?

    Den Gewaltmarsch brachte ich zähneknirschend irgendwie hinter mich. Heidschnucken, violettes Heidekraut, alles schön und gut. Abends auf dem Nachhauseweg zählte ich 24 Mückenstiche, später unter der Dusche fand ich sogar noch zwei Zecken in der Kniebeuge. Was für ein miserabler Tag. „Nächstes Wochenende wieder?“, hatte mich Karsten zum Abschied gefragt. Guter Witz. Jetzt hieß es erst einmal: Wunden lecken, Mund abputzen und die Geduld nicht verlieren. Nach der Wanderung ist vor der Wanderung. Ich glaub, ich brauche auch einfach so ein affiges Multifunktions-Outfit in Beige wie Karsten – vielleicht bringt das mich wieder auf den Pfad der Erleuchtung.

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