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    Kolumne #8: Casting-Show im Treppenhaus

    Autor David Siems
    Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im
    Wechsel mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft
    unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus
    zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die
    beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen
    möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Junge Menschen bewerben sich für ein WG-Zimmer.

    Meine Zeit in einer Berliner Chaos-WG liegt zwar mittlerweile fast 20 Jahre zurück, dennoch werde ich zeitweilig von bittersüßen Nostalgieschüben erschüttert, die im oberen Bereich der emotionalen Richterskala liegen. Was für eine geniale Zeit damals! Jedes Wochenende Party, alle drei Monate ein neuer Mitbewohner aus Spanien/Kolumbien/Ukraine/Australien, und die Zimmer wurden im Winter mit Kohleöfen geheizt. Sogar einen Badeofen hatte ich. Warmes Wasser gab es nur, wenn ich Stunden vorher ein halbes Dutzend ziegelsteinschwere Briketts anfeuerte.

    Neulich wurde mir wieder ganz warm ums Herz, als ich mitbekam, dass die Studenten-WG aus dem dritten Stock (mal wieder) einen neuen Mitbewohner sucht. Zu meinem Erstaunen hat sich das Prozedere aber seit 1999 radikal geändert: Statt „Yo, komm doch mal auf ein paar Bier vorbei, erzähl’ mal, welche Bands du magst und dann gucken wir, in welches Zimmer du ziehst“, gibt es jetzt ein perfide geplantes und mehrstufiges Bewerbungsverfahren, bestehend aus Beschnuppern, Eignungsprüfung, persönlichen Qualifikationen und Vorsprechen. Als mir meine Nachbarin Julia davon erzählte, wirkte es auf mich eher wie eine Mischung aus Casting-Show und Musterung bei der Bundeswehr.

    Egal. Ich wollte unbedingt dabei sein und lud mich kurzerhand selbst als Jury-Mitglied ein, um a) mit meiner unendlichen Lebenserfahrung die Bewerber zu begutachten (um daraus eine Empfehlung aussprechen zu können) und b) endlich zu einem gefühlten Jury-Zwitterwesen aus Heidi Klum, Wolfgang Joop und Dieter Bohlen zu werden.

    Die fünf Kandidaten, die an einem Samstagvormittag geladen waren, taten mir augenblicklich leid. Im Treppenhaus wurden sie wie verschnupfte Patienten im Wartezimmer geparkt, dann durfte sich einer nach dem anderen „präsentieren“. An Absurdität war das, was dann folgte, kaum zu übertreffen: Etwa Sven (23, viertes Semester Lehramt): „Ich kann alles reparieren, Putzen ist mein Hobby und außerdem habe ich bei Sternekoch Kevin Fehling gelernt und würde gerne jeden Abend für euch in der Küche zaubern!“ Oder Saskia (21, zweites Semester BWL): „Meine Stärken? Ich würde gerne ein WG-Konto einführen und mit meinen Erfahrungen aus der Buchhaltung für einen optimalen Finanzverlauf sorgen, wenn etwa Anschaffungen gemacht werden müssen.“ Genial war auch Silvio (35, 12. Semester Soziologie): „In meiner letzten WG hatten wir eine Betten-Rotation, da haben alle jeden Tag in einem anderen Zimmer geschlafen. So bleibt man echt fit im Kopf. Fänd’ ich cool, wenn wir das hier auch machen.“

    Nach der Show musste ich mich bedauerlicherweise meiner Stimme enthalten, ich hatte leider kein „Foto“ für einen der Kandidaten. Stattdessen ging ich hoch in meine Wohnung, schloss die Tür auf und hörte aus dem Kinderzimmer, wie meine Tochter auf ihrem E-Bass weiter „Black Night“ von Deep Purple übte. Ich ließ mich zufrieden aufs Sofa plumpsen, musste schmunzeln und dachte: Wahrscheinlich bin ich einfach zu alt für WGs.

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