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    Repair Cafés: Reparieren statt neu kaufen

    Keine Lust auf Konsum – immer mehr Menschen treffen sich privat zum gemeinschaftlichen Tüfteln und Basteln, um defekte Haushaltsgeräte, Fahrräder oder Möbel zu reparieren. hallonachbar.de war vor Ort in einem Repair Café in Oldenburg.

    Mehrere Personen reparieren einen Plattenspieler.

    John Lennon klingt, als wäre er sehr müde, heiser und antriebslos. Meint jedenfalls hallo nachbar-Redakteur David Siems, der seinen grauen Dynavox-Plattenspieler behutsam auf den Tisch legt. Baujahr 2003 ist das Teil, ist also nicht mal ein verstaubtes Vintage-Gerät, trotzdem hören sich die Beatles an, als wären sie noch einmal im Stimmbruch. Oder bereits etwas altersschwach. Die Harmonien sind einen Tick tiefer als sonst und irgendwie – lustloser. Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr nölen, statt zu trällern. Und natürlich auch John Lennon. Aber deshalb gleich einen neuen Plattenspieler kaufen? David Siems denkt: Help, I need somebody.

    With a little help from my friends: Gemeinsam wird gebastelt und gegrübelt

    Dieser „somebody“ ist heute Jens Hansen. Der 75-Jährige ist im Ruhestand, sieht auf den ersten Blick ein bisschen aus wie Bilbo Beutlin (der putzige Hobbit aus den „Herr der Ringe“-Filmen) und engagiert sich ehrenamtlich im Oldenburger Repair Café im Stadtteiltreff in Dietrichsfeld. Einmal die Woche kommt er her, bringt seinen Werkzeugkoffer mit und beäugt mit großer Freude die maroden Gegenstände, die mitgebracht werden. Dass er Ingenieurstechnik studiert und früher als Berufsschullehrer gearbeitet hat, ist natürlich von Vorteil. „Am meisten Spaß macht es mir, ein Gerät zu öffnen, mir die Technik anzuschauen und herauszufinden, was sich Ingenieur und Designer wohl dabei gedacht haben“, sagt er. Heute also ein Plattenspieler. Der Rotierteller lässt sich behutsam per Zange lösen und abnehmen, drunter offenbart sich die eigentlich so simple Technik. Antrieb, Mini-Motor, Spule und Schleife. „Schau mal hier, der Riemen ist völlig ausgeleiert“, sagt Jens Hansen. „Wenn wir den in kochendes Wasser legen, dann zieht er sich zusammen und bekommt vielleicht wieder genügend Spannung.“

    We can work it out: Der Weg ist das Ziel im Repair Café

    Derweil füllt es sich in den Räumlichkeiten. Manche bringen kleine elektronische Haushaltsgeräte wie Mixer oder Toaster mit, andere ihr Fahrrad mit plattem Reifen oder einen Staubsauger, so wie Ute Meiners: „Der ist 25 Jahre alt und geht immer wieder von alleine aus. Klar, ich könnte mir auch einen neuen kaufen, aber der ist mir über die Jahre einfach ans Herz gewachsen“, erzählt sie. Wie sich herausstellt, ist einfach nur der Schalter defekt. Jens Hansen öffnet die Staubsauger-Verkleidung und stabilisiert den Antriebsknopf mit einem Stück Plastik. Keine fünf Minuten hat die Blitzreparatur gedauert. „Viele Hersteller bauen ihre Geräte mittlerweile so, dass man sie gar nicht mehr öffnen oder reparieren kann. Leider ist auch das Reparieren eine Kultur, die völlig verloren gegangen ist. Viele junge Leute können sich gar nicht mehr vorstellen, dass man kaputte Sachen auch mit wenigen Grundkenntnissen wieder flottkriegen kann“, bemängelt er.

    Can’t buy me love: Die Reparatur kostet nix

    Reparieren, plaudern, Kaffee trinken – für viele Besucher ist es in Wahrheit gar nicht so entscheidend, ob ihr defektes Mitbringsel am Ende wieder funktionstüchtig ist oder nicht. „Es zählen eher der gemeinsame Austausch, das Fachsimpeln und das soziale Miteinander“, sagt Jürgen Dikmann, der gleich mit einem Lötkolben seinen Computer-Bildschirm begutachten will. Wer möchte, schmeißt ein paar Euro in die Spendenbox. Manche Besucher kommen auch einfach nur so, weil die Stimmung so gemütlich ist und man nebenbei Adventskarten basteln kann. Auch David Siems grämt sich nicht, falls der Plattenspieler nicht wieder einwandfrei laufen sollte: Den in kochendes Wasser eingelegten Gummiriemen hat Jens Hansen mittlerweile getrocknet und wieder unter den Plattenteller gespannt. Plattenteller draufgelegt, Schraube justiert, fertig. Sieht schon mal ganz gut aus. Ob John Lennon wieder einwandfrei und mit Hingabe singt, wird David Siems erst erfahren, wenn er den Plattenspieler zu Hause an seine Stereoanlage angeschlossen hat. Die Chancen stehen ganz gut. Falls die Fab Four trotzdem wieder nölen, wird das auch kein Weltuntergang sein: „Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich es zumindest versucht habe, das Teil zu reparieren, statt einfach nur stumpf loszugehen und mir sofort einen neuen Plattenspieler zu kaufen.“

    Zu Gast im Repair Café in Oldenburg
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