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    Brandenburgs Schätze Vom Brot allein

    Vernetzte Verbraucher

    Die Zukunft der Energie ist digital. Familie Meinen aus Varel will sparsamer und effizienter mit Energie umgehen, aber auch die eigenen Daten geschützt wissen. Intelligente Messsysteme, digitale Stromzähler und Datensicherheit - geht das zusammen? Ein Hausbesuch am Jadebusen.

    Henning Ross
    Marlena und Djure Meinen
    Die Energiepioniere
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    Marlena und Djure Meinen lernten sich während des Studiums in Münster kennen. Sie haben zwei Kinder: Liv (15) und Johann (13). Djure Meinen (47) arbeitet als Spezialist für Blogger Relations und stammt aus Varel. Auf den linken Arm hat er sich zwei Tattoos des Quellers stechen lassen, der feingliedrigen und blattlosen Pflanze, die im friesischen Watt als erstes wächst, wenn neues Land entsteht. Marlena Meinen (43) unterrichtet als Lehrerin in Jade und stammt aus Lahr im Schwarzwald. 2009 haben die Meinens in Varel ein Haus gebaut.

    Djure Meinen kann sich noch erinnern, wann er das erste Mal davon gehört hat, dass bald auch Heizung, Herd und Hochdruckreiniger mit digitaler Energie laufen. Es war 2014 in Berlin, auf der Internetkonferenz re:publica. Unter den Teilnehmern wurde über intelligente Messsysteme debattiert, die Stromerzeuger und -verbraucher vernetzen. Oder darüber, dass die Erzeuger und Verbraucher von Strom irgendwann, und vielleicht schon sehr bald, eins sein würden – als sogenannte „Prosumer“. Das alles klang nach Zukunft: ziemlich aufregend, aber noch fern.

    Jetzt, nur wenige Jahre später und einige Stunden Zugfahrt vom Berliner Trubel entfernt, sitzen Djure und seine Frau Marlena Meinen EWE-Mitarbeiter Frank Glanert gegenüber, gewissermaßen dem Botschafter der Energiewende. Auf dem Küchentisch des Hauses im friesischen Varel steht frisch gebrühter Kaffee, Hund Coleman, benannt nach dem Jazzsaxofonisten Coleman Hawkins, flitzt im Raum herum. Die Meinens und Glanert unterhalten sich über das Thema, das Djure Meinen damals auf der re:publica aufgeschnappt hat – die Digitalisierung der Energie; Stichworte wie ‚smart metering’, ‚smart home’ und ‚smart grid’ klingen noch in seinem Kopf nach. Das (Strom-)Netz der Zukunft ist intelligent. Und dank intelligenter Stromzähler hat die Zukunft der Energie längst begonnen.

    Seit Sommer 2016 ist das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende in Kraft. Es sieht vor, dass Verbraucher, die jährlich mehr als 10.000 Kilowattstunden Strom konsumieren, einen „Smart Meter“ verwenden. Intelligente Messsysteme also, die die Daten des Zählers auslesen und an den Messstellenbetreiber übermitteln. Die Vernetzung von Stromerzeuger und -verbraucher: Hier ist sie schon Wirklichkeit. Und enera, ein Forschungskonsortium, an dem EWE beteiligt ist, hat noch mehr vor: Der Inkubator für die vernetzte Energiewende hat sich zum Ziel gesetzt, im Nordwesten der Republik rund 29.000 intelligente Messsysteme zu installieren. Für Kunden, die weniger als 10.000 Kilowattstunden jährlich verbrauchen, übernimmt EWE im Rahmen von enera während der Projektlaufzeit die Mehrkosten für die „Smart Meter“. Die meisten privaten Haushalte kommen auf einen deutlich niedrigeren Wert. Deshalb sitzt EWE-Mann Glanert heute am Küchentisch in Varel und erklärt, wie das geht: die Vernetzung des Stroms auf der ostfriesischen Halbinsel. Glanert absolviert in diesen Wochen viele solcher Besuche, eine regelrechte Roadshow mit Fahrradtour, Barcamp und anderen Events, um den Nutzern das Thema "smart metering" näherzubringen. Denn eins ist sicher: Wenn die Energiewende gelingen soll, müssen die Verbraucher wissen, welchen Nutzen sie davon haben.

    Bei den Meinens hat Glanert es vergleichsweise leicht: Djure Meinen (47) ist Netz-Nerd der ersten Stunde. Als Spezialist für Blogger Relations bringt er Blogger mit Werbetreibenden zusammen. Dass Messstellenbetreiber Daten sammeln, sieht er entspannt: „Ich kann es mir in diesem Land leisten, mit meinen Daten verschwenderisch umzugehen. Die AGB von WhatsApp unterschreibe ich ja auch, ohne mit der Wimper zu zucken.“

    Seine Frau ist in dem Punkt ein bisschen skeptischer. Marlena Meinen (43) arbeitet als Lehrerin an einer Oberschule in Jade, unterrichtet Mathematik und Technik. Für sie ist die Energiewende vor allem ein ökologisches Thema: Intelligente Zähler, um Strom zu sparen. Als die Meinens 2009 ihr Haus in Varel bauten, legte sie Wert darauf, dass der Wärmeschutz stimmt; sie ließ Kollektoren für Solarthermie installieren, die warmes Wasser erzeugen. „Die Daten meines Stromverbrauchs im Haushalt zu teilen finde ich unproblematisch“, sagt sie. „Ich würde aber nie Gesundheitsdaten teilen.“

    Vernetzte Verbraucher
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    Kostenkontrolle und Transparenz

    Solche Sorgen hört Ulf Brommelmeier (37) häufig. Wer den Gesamtprojektleiter von enera treffen will, muss nach Oldenburg in den „enera Open Space“ fahren. Großraumbüros, Wände aus Glas – hier herrscht Start-up-Stimmung. Rasant wird die Welt digitaler. Ob Facebook, Netflix, Alexa, PayPal: All diese neuen Technologien verbindet der individuelle Bezug zum Menschen. Hier setzen enera und EWE an. Die Energiewende soll für die Bewohner der Region einen konkreten Mehrwert stiften: beispielsweise bessere Kostenkontrolle durch mehr Transparenz, Einbindung von Hausspeichern und Stromhandel unter Nachbarn oder einen besseren Mix aus erneuerbarer Energie und Graustrom.

    Für all das sind intelligente Messsysteme und Stromzähler die Basis – und für den Kunden bieten sie riesige Vorteile, sagt Brommelmeier. Die „Smart Meter“ vermeiden Ablesekosten vor Ort, identifizieren Stromfresser und erleichtern Energiemonitoring, das senkt den Verbrauch und die Kosten: Der Verbraucher weiß, wann er wie viel Strom verbraucht, und kann seinen Tarif an seine Bedürfnisse anpassen. Und was die Sicherheit der Daten betrifft: „Der deutsche Datenschutz ist der anspruchsvollste in ganz Europa“, erklärt Brommelmeier und verweist auf das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI). Aber letzten Endes sei es etwas ganz Anderes, was dem Kunden Sicherheit garantiere: „Als regionales Unternehmen hat EWE als Netzbetreiber auch einen Ruf zu verlieren. Eigentlich verkaufen wir nicht Energie, sondern Vertrauen.“

    Die Meinens jedenfalls sind von den energetischen Zukunftsaussichten angetan. Gut möglich, dass sie schon bald den Strom mit ihren Nachbarn teilen. Die Zukunft kommt manchmal schneller als gedacht.

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