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    "Elektroautos müssen günstiger werden"

    Jonas Kossendey arbeitet bei der EWE-Tochter WAYDO in Oldenburg und kümmert sich um Mobilitätslösungen für Unternehmen. Im Interview mit hallo nachbar spricht er über die Zukunft der Elektromobilität.

    BenneOchs

    Herr Kossendey, haben Sie den Eindruck, dass das Thema Elektromobilität langsam, aber sicher in den Köpfen der Menschen ankommt?

    Jonas Kossendey: Das Thema ist auf jeden Fall angekommen, das merke ich nicht nur im privaten Umfeld. Wenn ich erzähle, was ich beruflich mache, ist das Interesse immer sehr groß. Dabei kommen viele Fragen auf, etwa zur Reichweite oder der Ladeinfrastruktur. Aber wenn ich aufzeige, wie ein Alltag mit dem E-Auto aussieht, dann sagen viele: Stimmt, das macht eigentlich total Sinn. So kompliziert ist das ja gar nicht.

    Ein Gerücht, dass sich hartnäckig hält: Mit dem E-Auto bleibe ich irgendwann liegen …

    Es gibt einfach noch viel Aufklärungsbedarf und gleichzeitig viel Stimmung, die gemacht wird. Ich sehe etwa in den sozialen Medien viele Videos, die verbreitet werden. Darin geht es um mangelnde Reichweite oder Cobalt-Abbau in Afrika. Das sind Argumente, mit denen wir uns auseinandersetzen. Das Thema „Elektromobilität“ steckt teilweise noch in den Kinderschuhen, aber das Potenzial, das man daraus ziehen kann, ist enorm groß. Vor allem die technische Entwicklung in den letzten Jahren ist rasant. Wir haben jetzt mittlerweile Reichweiten von 500 bis 600 Kilometern bei E-Autos.

    Was vermitteln Sie denn den Leuten?

    Dass man etwa nicht mehr zu einer Tankstelle fahren muss, um sein E-Auto aufzuladen. Das könnte man zuhause per Wallbox machen, bei der Arbeit oder an einer Ladestation in der Stadt, während man shoppen geht. So findet ganz langsam ein Umdenken statt. Auch die Bedenken bei der Reichweite: Der Deutsche fährt im Durchschnitt etwa 40 Kilometer am Tag – bei diesem Bedarf reicht es selbst aus, wenn man nicht jeden Tag irgendwo laden kann. Viele Kritiker sollten sich einfach mal in ein E-Auto setzen, auf das Gaspedal treten und gucken, wie sich das anfühlt. Ich weiß aus Erfahrung, dass man damit viele Leute begeistern kann.

    Können Sie das Gefühl beschreiben?

    Man fährt geräuschlos und wird auch mal in den Sitz gedrückt, wenn man beschleunigt. Es fühlt sich sehr angenehm an. Der Fahrspaß ist nicht zu unterschätzen.

    Noch einmal zur Reichweite: Sind deutsche Autofahrer zu bequem?

    An den Raststätten wird die Technik immer weiter ausgebaut, da hatten wir anfangs noch Ladestationen mit 50 kW Leistung und mittlerweile 150 bis 250 kW. Man muss sein E-Auto aber auch nach dem persönlichen Fahrstil ausrichten. Wenn man nur kurze Strecken fährt kann schon ein VW e-up! mit 260km reichen. Fährt man eher längere Strecken sind Fahrzeuge wie der KIA e-niro, Tesla oder Audi e-tron mit Reichweiten von 400-500km sicher interessanter. Dann brauche ich natürlich auch die entsprechende Schnellladefunktion, um wieder schnell auf die Straße zu kommen. Eigentlich ist die Überlegung ähnlich wie bei einem Auto mit Verbrennungsmotor: Wenn ich lange Strecken fahren will, dann kaufe ich mir auch keinen smart.

    Ein weiterer Kritikpunkt ist die lange Ladedauer …

    Wer mit dem E-Auto in den Urlaub fährt, muss längere Stopps einplanen, das ist klar. E-Autos sind noch nicht soweit, dass man die Akkus so schnell wie einen Benzintank auffüllt. Aber die Technik schreitet so schnell voran, dass ich mit Gewissheit sagen kann, dass wir in ein paar Jahren nur noch Ladedauern von knapp 20 Minuten haben werden. Und für den durchschnittlichen Bedarf der 40 km reicht es locker aus, wenn ich die Standzeiten zuhause oder auf der Arbeit für eine langsamere Ladung nutzen kann.

    Wie funktioniert denn das Unterwegs-Laden eigentlich?

    Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Wir bieten bei WAYDO ein Flatrate-Modell an: Der Kunde zahlt im Monat einen Fixpreis von 85 € und kann damit das Netz von WAYDO und seinen Roamingpartner mit ca. 8.000 Ladestationen deutschlandweit benutzen. Europaweit sind es sogar ca. 30.000 Ladepunkte. So eine Karte macht aber nur dann Sinn, wenn ich wirklich auf öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen bin. Man kann alternativ auch über einen QR-Code an unseren Ladesäulen flexible Zeitpakete buchen, ohne dass der Kunde vertraglich an einen Ladesäulenbetreiber gebunden ist. Im Durchschnitt kosten 100 Kilometer Strecke etwa 4,90 €.

    Verfechter der Elektromobilität verweisen immer wieder gerne auf die Erfolge in Skandinavien. Inwiefern hat etwa Norwegen Vorbildcharakter für Deutschland?

    In Norwegen gibt es enorme finanzielle Subventionen, da ist etwa ein Tesla viel günstiger als ein Passat. Dort gibt es sogar kostenfreie Lademöglichkeiten oder Gratis-Parken für E-Autos plus die Tatsache, dass in vielen Parkhäusern Steckdosen für die Erwärmung der Motoren in den kalten Wintermonaten verfügbarsind. Da fällt einem der Umstieg natürlich relativ leicht. In Deutschland fangen wir gerade erst damit an, vernünftige Prämien und Förderungen zu zahlen. Man kann aber gut von Norwegen lernen, was funktioniert und was nicht. Ich glaube, es ist erst mal wichtiger, dass die deutsche Autoindustrie die Preise senkt. Wenn E-Autos günstiger werden, dann steigen auch mehr Menschen um.

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