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    "Unser Wasserstoff ist komplett emissionsfrei"

    Batterie oder Brennstoffzelle? hallo nachbar traf EWE-„Wasserstoff-Experte“ Paul Schneider zum Interview, der erklärt, wie lange es noch dauern wird, bis Elektromobilität endgültig auf deutschen Straßen angekommen sein wird.

    BenneOchs

    Herr Schneider, wie steht es aktuell um den Hype zur Elektromobilität?

    Im Vergleich zur batteriebetriebenen Elektromobilität (Battery Electric Vehicle) haben wir bei der brennstoffzellenbetriebenen Elektromobilität (Fuel Cell Electric Vehicle) aktuell noch die Situation, dass wir eine Bereitstellungsinfrastruktur dafür schaffen und ausbauen müssen. Aktuell gibt es 76 Wasserstoff-Tankstellen in Deutschland. Um die Situation vor allem im Nordwesten zu verändern, leisten wir nicht nur viel Aufklärungsarbeit, sondern versuchen auch die Region wasserstoffseitig zu erschließen. Derzeit stehen immer mehr Fördergelder dafür bereit, um zum einen mehr Tankstellen bauen zu können, zum anderen aber auch in Fahrzeuge zu investieren. Gerade im Lkw- und Müllfahrzeugbereich, wo der wasserstoffbasierte Elektroantrieb besonders geeignet ist, sind die Kosten für ein Fahrzeug durch die geringen Stückzahlen natürlich noch höher als bei einem konventionellen Modell und werden entsprechen gefördert. Mit Tankstellen alleine gewinnen wir nämlich keinen Blumentopf – um das Henne-Ei-Problem zu lösen, muss man in beide Bereiche investieren.

    Können Sie das konkretisieren?

    Es bringt nichts, in Tankstellen zu investieren, wenn niemand kommt, um zu tanken. Die Bereitstellung muss an der Tankstelle passieren, der Bedarf wird durch die Fahrzeuge abgedeckt, und beides muss man langsam hochfahren. Dann etablieren sich die Fahrzeuge, es entsteht ein höherer Bedarf und somit wächst auch die vorgelagerte Wasserstoffinfrastruktur.

    Es braucht also eine Kettenreaktion?

    Das klingt etwas drastisch. Ich vergleiche es immer gerne mit anderen etablierten Technologien, die es heute gibt und mittlerweile selbstverständlich sind: Stellen Sie sich vor, es gäbe in Deutschland nur 70 Diesel-Tankstellen und 500 Diesel-Autos. Wie schafft man es, dass eines Tages aus den 500 Fahrzeugen 15 Millionen Fahrzeuge werden? Beim Thema Wasserstoff geht es überhaupt nicht um die Technologie, die ist bereits genügend ausgereift. Es ist vor allem ein Thema der Veränderung – und das ist der viel spannendere Punkt.

    Können denn reine E-Autos und Wasserstoffautos in Zukunft koexistieren oder wird sich ein Antrieb von beiden durchsetzen?

    Sie wird es beide genauso geben, wie es Benzin und Diesel gibt. Zum einen kann man feststellen, dass in Europa mehr als 250 Millionen PKW zugelassen sind. Wenn ich mir angucke, dass davon 99,99 Prozent auf Diesel oder Benzin laufen, ist der Markt mehr als groß genug. Wir sprechen hier vor allem von Multifunktionsfahrzeugen, die alles können, daher müssen wir auf die Vor- und Nachteile beider neuer Technologien schauen. In der Zukunft werden sich Fahrzeuge den Gegebenheiten anpassen, das heißt auf kurzen Strecken bis 250 Kilometer werden batteriebetriebene Autos fast immer im Vorteil sein, weil sie in dem Fall effizienter sind. Ab einer gewissen Schwere und Größe des Fahrzeugs spielt dann Wasserstoff seine Stärke aus, einfach aus dem Grund, weil Wasserstoff die höchste Energiedichte bezogen aufs Gewicht hat.

    Was bedeutet das?

    Wenn ich das Gewicht erhöhe, dann geht auch mehr Energie einher. Wenn man eine Batterie auf einen großen Lkw skalieren würde, dann wäre man schnell bei sieben bis zehn Tonnen Gewicht. Beim Wasserstoff hingegen ist das nicht so; denn man hat eine Energiedichte von bis zu 33kWh/kg. Im Schwerlastbereich ist grüner Wasserstoff deshalb ziemlich alternativlos, egal ob direkt über die Brennstoffzelle oder als Rohstoff für synthetisch hergestellten Diesel, der am Ende auch nur ein Kohlenwasserstoff ist.

    Das heißt, der wasserstoffbasierte Elektroantrieb lohnt sich nur für Lkw-Fahrer?

    Nein. Auch der Vertreter, der im Passat ständig durch ganz Deutschland fährt, profitiert von Wasserstoff (Reichweite, kurze Tankzeiten), zumal die Tankstellen auch an gewissen Autobahnknotenpunkten stehen. Für den privaten Autofahrer kommt die Technik wahrscheinlich noch ein bisschen zu früh, da muss man schon Idealist sein, wenn man sich dafür entscheidet. Durch die fehlende Infrastruktur schränkt man sich aktuell noch etwas ein.

    Kritiker behaupten, dass die Gewinnung von Wasserstoff nicht besonders umweltfreundlich ist.

    Das bekomme ich häufig zu hören. Man muss verstehen: Wasserstoff ist nicht gleich Wasserstoff. Der aktuell in Deutschland hergestellte und genutzte Wasserstoff wird vor allem im Industriebereich als Produktgas verwendet und wird aus Erdgas gewonnen. Bei der Gewinnung entsteht CO2, das stimmt. Was wir vorhaben, ist grüner Wasserstoff. Wir setzen ausschließlich auf erneuerbare Energien als Quelle, also Wind, Sonne oder Wasserkraft. Dabei wird über Elektrolyse-Verfahren der Wasserstoff erzeugt, der komplett emissionsfrei ist.

    Ist die Technik in anderen Ländern bereits weiter vorangeschritten?

    Vor allem in Asien ist Wasserstoff aktuell ein Riesenthema. China als größte Autoabsatzmarkt der Welt hat kürzlich einen Fünfjahresplan zum Thema Brennstoffzelle und Wasserstoff vorgelegt. Und bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio werden alle Fahrzeuge und das komplette olympische Dorf mit Wasserstoff angetrieben. Das wird noch einmal für eine ordentliche Strahlkraft sorgen. Die gute Nachricht: Auch die Bundesregierung arbeitet aktuell an einer großen Wasserstoff-Strategie.

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