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    „Grüner Wasserstoff ist der Antrieb der Zukunft“

    Kohle geht, Wasserstoff kommt: EWE-Vorstand Stefan Dohler erklärt im Interview, welches Potenzial in Wasserstoff für viele Lebensbereiche steckt.

    © Sebastian Vollmert

    Warum engagiert sich EWE beim Thema „Grüner Wasserstoff“?

    Wir wollen aktuell und in Zukunft Klimaschutz betreiben, parallel zum Ziel, dass die deutsche Wirtschaft 2050 komplett klimaneutral sein möchte. Auf dem Weg dahin brauchen wir sehr viel mehr grüne und erneuerbare Energie, die bislang primär im Stromsektor zum Einsatz kommt. Wir brauchen aber eine klimaneutrale Struktur für die gesamte Wirtschaft und weitere Möglichkeiten, wie wir saubere Energie in großen Mengen langfristig speichern und transportieren können. Wasserstoff bildet dabei ein Bindeglied und kommt in verschiedenen Bereichen zum Einsatz: in der Mobilität, in der Industrie und im Energie- und Wärmebereich. Bereits heute gibt es in Deutschland einen Bedarf von 55 Millionen Tonnen Wasserstoff jährlich.

    Inwiefern lässt sich mit Wasserstoff die Energiewende beschleunigen?

    Man muss fairerweise sagen, dass sich das Thema Wasserstoff bezüglich einer breiten Anwendung noch relativ am Anfang befindet. Es gab schon mehrere Wellen, bei denen versucht wurde, Wasserstoff nach vorne zu bringen. Technologisch ist das Thema bereits sehr ausgereift. Der Unterschied zu früher ist, dass es mittlerweile eine Erkenntnis in der breiten Bevölkerung gibt, dass unsere Generation jetzt konsequent handeln muss. Wir merken, dass wir unsere Klimaziele nicht erreichen werden, wenn wir nur auf Strom schauen. Auch in den Bereichen Wärme und Mobilität müssen wir handeln. Deshalb lässt sich auch die Bereitschaft für Wasserstoffaktivitäten und damit auch die Energiewende beschleunigen.

    Die Bundesregierung will Deutschland zum Weltmarktführer in Sachen Wasserstofftechnologie machen und investiert insgesamt neun Milliarden Euro. Wie lässt sich diese Summe in Zeiten von Corona rechtfertigen?

    Wir haben damit die Möglichkeit, dauerhaft industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze in einem Bereich aufzubauen und zu sichern, der sehr, sehr zukunftsträchtig ist. Das beatwortet eigentlich schon die Frage. Klimapolitik wird dabei mit kluger Industrie- und Wirtschaftspolitik verbunden. Wenn ich mir anschaue, wie viele Milliarden im Zuge der Corona-Hilfen aufgelegt werden, dann sind neun Milliarden Euro durchaus angemessen. Im Rahmen des „Green Deals“ will die EU sogar 750 Milliarden Euro investieren – und das nicht, weil man Geld verschenken will, sondern weil der Schaden durch den Klimawandel deutlich teurer werden wird, wenn wir nicht bald handeln.

    Welche Voraussetzungen hat denn EWE für eine mögliche grüne Wasserstoffwelt?

    Wir haben in beiden EWE-Regionen, also Ems-Weser-Elbe und Brandenburg/Rügen, sehr gute Voraussetzungen. Wir betreiben große Kavernenspeicher, die hervorragend geeignet wären, um Wasserstoff zu speichern. Die haben etwa das Tausendfache an Energiespeichervolumen im Vergleich zu den gesamtdeutschen Pumpspeicherkraftwerken. Das ist ein entscheidender Faktor. Damit könnte man auch sogenannte Dunkelflauten, also längere Zeiten ohne Wind und Sonne, überbrücken. Den überschüssigen Strom unserer Windanlagen an Land und auf dem Meer können wir optimal für die Wasserstoffgewinnung einsetzen, ebenso können wir über die Küste Wasserstoff importieren. Außerdem haben wir eine große Gasleitungs-Infrastruktur, um Wasserstoff von Nord nach Süd transportieren zu können. Das sind alles optimale Startvoraussetzungen für die Herstellung, die Speicherung und den Transport von Wasserstoff.

    Wie lange wird es dauern, bis Wasserstofftechnologien auch bei den Menschen zu Hause zum Einsatz kommen?

    Ein Wasserstoffauto kann man sich jetzt schon kaufen. Es gibt bereits Aktivierungsprogramme, die dafür sorgen, dass auch der noch hohe Preis dafür günstiger wird. Wasserstoff wird aber wohl eher im Bereich des Güterverkehrs eine größere Rolle spielen, also bei LKWs, Bussen oder Sonderfahrzeugen. Auch Personenzüge werden mit Wasserstoff fahren. Erste Praxisbeispiele gibt es bereits. Andere Länder wie Japan setzen auch im PKW-Bereich auf Wasserstoff. Ein ganz wichtiger Punkt bei all den Möglichkeiten ist: Jeder von uns kauft jeden Tag alle möglichen Dinge. Wir sollten dabei endlich anfangen zu fragen: Welchen CO2-Fußabdruck hat denn das Auto, dass ich kaufe? Oder der Stahl, der in dem Auto verbaut wurde? Wie ist die gesamte Lieferkette? Das ist ein Bereich, in dem jeder bewusst eine Entscheidung treffen kann. Aus der Industrie bekommen wir aktuell sehr viele Anfragen, wie sie ihre Produkte grüner machen können.

    Wie sieht Ihr Wasserstoff-Szenario für 2030 aus?

    Wir werden noch keine massenhafte Herstellung und Nutzung haben, dafür aber einen enormen Fortschritt in der technologischen Entwicklung im Verkehrsbereich erleben. In der Industrie wird der Bedarf an Wasserstoff immer größer werden. Wenn das politisch klug und nicht zu zaghaft begleitet wird, könnte Wasserstoff ein Riesenerfolg werden. Ich kann nur ermuntern und sagen: Lasst uns nicht mehr auf Kohle, sondern auf Wasserstoff setzen.

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