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    "Glasfaser ist das Rückgrat für die Digitalisierung"

    Streamen, surfen, Homeoffice, Video-Konferenzen: Spätestens seit Beginn der Corona-Zeit ist die Digitalisierung in Deutschland in vollem Gange. EWE-Vorstand Michael Heidkamp spricht im Interview mit hallonachbar.de über die technischen Voraussetzungen für Glasfaser in der Region.

    Michael Heidkamp Der EWE-Vorstand Markt
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    Michael Heidkamp gehört dem EWE-Vorstand seit November 2015 an.

    Glasfaser gilt als Grundlage für die Digitalisierung in Deutschland. Kann man das so sagen?

    Die kurze Antwort ist: ja. Wir sagen immer, dass Glasfaser das Rückgrat für die Digitalisierung ist. Das umfasst verschiedene Bereiche: im Internet surfen, von zu Hause arbeiten, Home Schooling, Streaming per Smart-TV oder Online-Rezepte in der Küche lesen. Es gibt unterschiedliche parallele Anwendungen, die oftmals gleichzeitig laufen und damit „Bandbreitenhunger“ entwickeln. Wenn Sie sich die heutige Infrastruktur anschauen, wie etwa alte Kupfernetze, dann merken wir, dass es zunehmend Begrenzungen im Bereich der Geschwindigkeiten gibt. Begonnen hat es mit analoger Telefonie, dann ISDN, anschließend die ersten breitbandigen Technologien wie ADSL oder jetzt VDSL mit Downloadgeschwindigkeiten bis zu 100 Megabit pro Sekunde. Kupfer ist aber als Medium nicht mehrzukunftssicher und kommt quasi an seine Grenzen. Bei der Glasfasertechnologie sind dagegen nahezu beliebige Geschwindigkeiten denkbar.

    Was sind weitere Nachteile der alten Technik?

    Technisch vereinfacht ausgedrückt, könnte man sagen: Je länger das Kupferkabel, desto geringer die Bandbreite, die bei den Kunden ankommt. Des Weiteren merken wir, dass die Kupferinfrastruktur zunehmend störanfälliger wird. Das sehen Sie etwa im Sommer, wenn es viele Gewitter gibt. Was aber noch viel wichtiger ist: Glasfaser ermöglicht Datenübertragungen quasi ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen. Bis zu 1.000 Megabit pro Sekunde sind für den Endkunden dann kein Problem mehr. Unser Ziel ist, im Nordwesten so viel Glasfaserinfrastruktur aufzubauen wie eben möglich. Damit könnten wir einen Standortvorteil im Norden schaffen.

    Brauchen wir so schnelle Übertragungsraten und wirklich Glasfaser?

    Ich glaube ja. Mal ein einfaches Beispiel: In Zukunft, vielleicht in zehn bis zwanzig Jahren, werden Autos auf der Basis von Daten autonom über die Straßen fahren können. Damit der Bordcomputer erkennt, dass von rechts ein anderes Auto kommt, müssen diese Daten schnellstmöglich transportiert werden. Das lässt sich nur über Glasfaser lösen. Wir glauben, dass es keine Alternative zur Glasfasertechnologie geben wird – und da sind wir nicht die Einzigen in der Branche.

    Viele Menschen haben einen DSL-Anschluss und sagen: Läuft doch super. Wie überzeugt man die, auf Glasfaser umzusteigen?

    Noch vor wenigen Jahren galt 1 Megabit in der Sekunde im Download als sehr schnell. Da kannte noch niemand Netflix und Youtube. Der Bandbreitenbedarf wuchs mit neuen Angeboten rasant und wird sich auch so weiterentwickeln. Mit Beginn der Corona-Zeit haben sich die Arbeitswelten verändert, viele arbeiten jetzt aus dem Homeoffice und nutzen digitale Anwendungen, etwa für eine Videokonferenz. Zu Beginn des Shutdowns haben wir bei EWE fast 5.000 Mitarbeiter zum Arbeiten nach Hause geschickt. Wenn die keine vernünftige Anbindung ans Netz haben, dann lässt sich digital natürlich nicht richtig arbeiten. Die Arbeitswelt der Zukunft wird sich weiter verändern und Menschen wollen flexibler und an verschiedenen Orten arbeiten. Das gilt für Privatkunden und Geschäftskunden gleichermaßen. Dafür ist Glasfaser – wie anfangs bereits gesagt – das Rückgrat.

    Homeoffice, mobiles Arbeiten, neue digitale Welten: Sie profitieren von Corona …

    Das kann man so vereinfacht nicht sagen. Die Wirtschaftskrise hat natürlich auch uns getroffen, vor Allem im Energiebereich. Aber ja, im Telekommunikationsbereich sehen wir eine deutlich höhere Nachfrage nach unseren schnellen Internetprodukten. Viele Menschen wollen zu Hause andere Bandbreiten nutzen, schneller kommunizieren und mehr Daten transportieren.

    Wenn noch mehr Menschen jederzeit Online, also „always on“ sein wollen – wie können Sie garantieren, dass dies technisch möglich ist?

    Indem wir unser Netz auf die sogenannten „Lastspitzen“ auslegen. Das Netz ist nicht immer zu jeder Tageszeit gleich ausgelastet. So ist z.B. um 20 Uhr der Datenverkehr mit am höchsten, weil dann Kinder vielleicht noch kurz vor dem Schlafen ihre Lieblingsserie bei Disney+ streamen und die Eltern ebenfalls im Internet sind. Über gut dimensionierte Datenautobahnen, sogenannte Backbone-Strecken, gewährleisten wir, dass möglichst keine Netzengpässe auftreten. Auch Ende März und Anfang April, als gefühlt das gesamte Land im Homeoffice war, hatten unsere Netze noch Luft nach oben. Wir sind mehrfach dafür ausgezeichnet worden, dass wir das beste Netz in der Region anbieten.

    Das klingt vielversprechend, trotzdem polarisiert das Thema „Glasfaser“. Was sagen Sie den Menschen, die scheinbar vergeblich auf moderne Internetleitungen warten?

    Mit dieser Frage werden wir in der Tat am meisten konfrontiert. Bei EWE müssen wir prüfen, welche Gegenden für uns lukrativ sind und welche eher nicht. Wir sind eben auch ein Wirtschaftsunternehmen. Das heißt, dass wir immer eine Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und regionaler Verantwortung finden müssen. Mit unserem VDSL-Ausbau haben wir bereits sehr viele Regionen erschlossen. Auf dieser Infrastruktur kann man gut aufbauen und in einem zweiten Schritt Glasfaser direkt in die Häuser legen. Wenn wir aber drei Kilometer Leitungen zu einem einzelnen Bauernhof legen müssten, dann würde sich das für uns nicht lohnen. Um 1,5 Millionen zusätzliche Haushalte zu erreichen, rechnen wir etwa mit zehn Jahren Ausbauzeit. Dabei ist das Erschließen von neuen Gebieten von unterschiedlichen Ressourcen abhängig, wie etwa genügend Bagger oder Tiefbau-Kolonnen. Und dabei reden wir nur von 65 Prozent der Gesamtfläche. Die gute Nachricht: Wir kooperieren mit der Telekom. Beide Wettbewerber ergänzen sich somit beim Ausbau der Infrastruktur.

    Ab welcher Größenordnung wird es denn für EWE interessant, Glasfaser zu verlegen?

    Das hängt nicht von der Größe eines Dorfs oder einer Siedlung ab. Wir müssen das jedes Mal ganz individuell prüfen, da die Umstände vor Ort immer unterschiedlich sind. Gibt es bereits eine vorhandene Netzstruktur, die man ausbauen kann? Haben wir in der Region auch Tiefbauer und eine Tiefbaukolonne? Wie ist die derzeitige Nachfrage nach Tiefbauunternehmen? Wie gesagt, es hängt von mehreren Faktoren ab. Klar ist aber auch: Überall gleichzeitig ausbauen können wir nicht. Der Glasfaserausbau muss nach und nach erfolgen.

    Kann ich als Dorfbewohner auch proaktiv auf EWE zugehen und sagen: Jetzt legt uns doch endlich mal Glasfaser?

    Natürlich. Wenn beispielsweise Unterschriften der Einwohner gesammelt werden, hilft uns das ungemein, weil damit die Marktakzeptanz dokumentiert wird. Soll heißen: Es gibt genügend Menschen, die schnelles Internet haben wollen und auf Glasfaser wechseln würden. Sollten wir dann trotzdem nicht aktiv werden, lohnt sich oftmals der Weg über die Kommunen. Diese können über sogenannte Förderverfahren auch sehr ländlich geprägte Gebiete ausbauen lassen.

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