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    Upcycling - mehr als nur ein Designtrend

    Espressotassen aus Kaffeesatz, Designermöbel mit aussortierten Paletten oder Wohnaccessoires aus weggeworfenen Konserven: Beim Upcycling wird scheinbar wertloser Abfall in Neues verwandelt. hallo nachbar erklärt die Hintergründe einer Bewegung, bei der es um mehr geht als einen hippen Lifestyle.

    Julian Lechner
    Der Produktdesigner
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    Julian Lechner brauchte während seines Produktdesignstudiums im italienischen Bozen eine Menge Espresso. Aus der Frage, was mit dem ganzen Kaffeesatz passiert, wenn Cappuccino und Co. ausgetrunken sind, wurde die Geschäftsidee für sein Unternehmen. Unter dem Namen Kaffeeform wertet er Kaffeeabfall zu dekorativem Geschirr auf. Der erste Prototyp einer Tasse entstand 2009.

    „Hypothetisch betrachtet könnte mit Kaffeesatz ca. 40% des derzeit benötigten Kunststoffbedarfs eingespart werden“, sagt Julian Lechner. Seit 2015 stellt der Berliner Produktdesigner mit seinem Unternehmen Kaffeeform Espressotassen aus Kaffeesatz her. Eigentlich ein Abfallprodukt, von dem in Europa laut Lechner täglich etwa 8.000.000 Kilogramm anfallen. „Eine beachtliche Menge, von der ein Großteil direkt im Müll landet und nicht kompostiert wird.“ Genau da setze sein Unternehmen an. In Zusammenarbeit mit einer sozialen Werkstatt wird der Kaffeesatz täglich von Berliner Cafés und Gastronomen eingesammelt und in einem eigens entwickelten Verfahren weiterverarbeitet. Drei Jahre Forschung und Tests brauchte es, bis das Prinzip funktionierte. Aber dann funktionierte es richtig. Bedingt durch die große Nachfrage folgten auf die Espresso- schnell auch Cappuccinotassen. Seit Ende 2017 gibt es von Kaffeeform sogar einen Coffee-to-go-Becher aus Kaffeesatz. Minimalistisch schick sind sie alle – und gleichzeitig maximal ressourcenschonend. So kommt Julian Lechner bei der Produktion ohne erdölbasierte Stoffe aus. Stattdessen setzt er auf nachwachsende Rohstoffe. Und sollten die Tassen doch einmal kaputtgehen, können sie problemlos wieder zu neuen verarbeitet werden.

    Kaffeegeschirr aus Kaffeesatz
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    Mit seinem Konzept gehört der Tüftler zu einer neuen Riege aus Designerinnen und Designerin, die es sich zum Ziel gesetzt haben, scheinbar wertlosen Müll in etwas zu verwandeln, das wir wieder gerne verwenden. Upcycling heißt dieses Prinzip. Durch die erneute Nutzung bereits vorhandenen Materials (wie beim Recycling) werden dabei Rohstoffe, aber auch Energieressourcen eingespart. Daneben geht es um Aufwertung statt um Abwertung. Der daraus abgeleitete Begriff Upcycling fiel nachweislich bereits 1994. Damals forderte der deutsche Ingenieur Reiner Pilz in der britischen Zeitschrift „Salvo“, dass beim Baustoff-Recycling ein Umdenken dringend nötig sei. „Was wir brauchen, ist Up-cycling, bei dem alte Produkte einen höheren Wert erhalten, keinen geringeren“, wird er zitiert. Dass in industriellen Gesellschaften wie unserer das Bewusstsein für Nachhaltigkeit stetig wächst, kann auch das Umweltbundesamt bestätigen. So hieß es in einem Bericht des Amtes zur Marktbeobachtung 2015: „Den Konsumentinnen und Konsumenten ist zunehmend bewusst, dass der private Konsum für einen großen Teil der Umweltbelastungen direkt verantwortlich ist und dass sie über ihr Nachfrageverhalten Einfluss darauf haben, wie, wie viele und welche Produkte hergestellt werden.“ Seit einigen Jahren sei beim Einkaufen ein Trend „in Richtung eines nachhaltigen Einkaufsverhaltens, zum Beispiel bei biologischen Lebensmitteln, effizienten Haushaltsgeräten oder Ökostrom“ festzustellen.

    Wer auf Upcycling setzt, denkt Rohstoffverknappung mit. Dazu kommt bei einem Upcycling-Projekt der Reiz des Individuellen gepaart mit kreativem DIY-Geist: Am Ende ist jedes Stück ein Unikat mit unkonventionellem Charakter. Das gilt für die Tassen aus Kaffeesatz genauso wie für die aus Luftmatratzen vom Sperrmüll gefertigten Taschen des Bremer Labels Lumabag. „Besonders sein heißt anders sein“, wirbt Bastler Michael Köppe von Re-used sogar ganz explizit mit Individualismus für seine Upcycling-Möbel. Im branderburgischen Beeskow, rund 30 Kilometer südlich von Frankfurt an der Oder, fertigt er aus ausrangierten Gebrauchtpaletten und Altholz Tische, Regale oder Kommoden – um dem alten Holz, so die Idee, „ein zweites Leben mit Stil zu verleihen“. Gemein ist den Upcycling-Ideen, dass sie mehr als nur Designtrends folgen oder einen hippen Lifestyle transportieren. Tatsächlich wird den ursprünglichen Rohstoffen eine längere Lebenszeit geschenkt. Damit ist jedes dieser Produkte immer auch ein Zeichen – für nachhaltigeren Konsum und gegen die herrschende Wegwerfmentalität.

    Lumabags
    Das Bremer Label "Lumabag" fertigt Taschen aus Luftmatratzen vom Sperrmüll. (Foto: Lumabag)

    Neu ist das Prinzip, kreativ mit bereits Vorhandenem zu basteln, natürlich nicht. Gerade in Regionen wie Lateinamerika ist Upcycling Teil einer DIY-Tradition – eine, die weniger aus einem gesteigerten Umweltbewusstsein rührt als aus Erfindungsgabe, die überlebensnotwendig ist, wenn Ressourcen, Geld oder beides knapp sind. In Indien hat Upcycling sogar einen eigenen Begriff, „Jugaad“. Was so viel bedeutet wie: das Verfügbare so zu nutzen und mit ihm zu improvisieren, dass etwas Nützliches daraus entsteht.

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