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    Tiny House: Das steckt hinter dem Minihaus-Trend

    Klein, nachhaltig und günstig: Das Tiny House boomt! hallonachbar.de spricht im Interview mit Autorin Sandra Leitte über ihr Buch „Winzig2“ und erklärt, woher der Wunsch nach dem Minihaus kommt.

    Porträtbild Sandra Leitte Die Architektin
    Mehr erfahren Sandra Leitte stammt aus Ulm, hat Architektur studiert und lebt seit fünf Jahren in der Kleinstadt Valley City, im US-Bundesstaat North Dakota. Sie hat bislang zwei Bücher über Tiny Houses geschrieben: „Winzig – Innovative Häuser im Mini-Format“ (DVA Verlag) und „Winzig2“ (Prestel Verlag).

    Woher kommt der Tiny-House-Trend? Die Erklärung, dass sich Menschen nach Minimalismus sehnen, ist wahrscheinlich zu einfach, oder?

    Sandra Leitte: Ich glaube, dieser Hang zum Minimalismus ist ein Stück weit auch aus einem Zwang heraus begründet. Knapper und beschränkter Wohnraum sind sehr aktuelle Themen, die viele von uns kennen. Meine Bücher zeigen, dass darin aber auch ein ganz besonderer Reiz liegen kann. Viele Menschen gucken sich die beschriebenen Häuser an, kommen ein bisschen ins Träumen und denken: Hach, wäre es nicht schön, so zu leben? Wenn Leute das tatsächlich umsetzen, finde ich das sehr bewundernswert. Ein Tiny House ist erst einmal mit vielen Einschränkungen verbunden, weil der Platz begrenzt ist und man sich von viel Eigentum trennen muss. Und man muss sich Dinge fragen wie: Will ich wirklich jeden Abend mein Bett irgendwo herausziehen oder herunterklappen, damit ich schlafen kann, oder über eine Leiter auf die Schlafgalerie klettern?

    Klingt eigentlich umständlich. Welches ist dann der Reiz am Tiny House?

    Etwa der Preis. Wenn ich mir mein eigenes Haus bauen kann, ohne mich dafür für lange Zeit verschulden zu müssen, dann klingt das sehr verlockend. Gerade für jüngere Leute, die freier und ungebundener sind. Auch das ökologische Bewusstsein, das aktuell viele Menschen bewegt, spielt da mit rein. Man muss aber schon ein bestimmter Typ sein, um in einem Tiny House leben zu wollen.

    Wie ist denn der typische Tiny-House-Bewohner?

    Zum einen gibt es die klassischen Öko-Typen, die aus der Do-it-yourself-Bewegung kommen. Das Tiny House ist aber mittlerweile hip geworden. Es hilft, dass sich in den letzten Jahren viele Dinge verkleinert haben, man braucht etwa keinen riesigen Fernseher mehr, heutzutage reicht ein kleines Tablet. Jemand, der gerne mit vielen Besitztümern protzt, passt dagegen hier nicht rein. Einen gewissen Hang zum Minimalismus und die Wertschätzung von anderen Dingen, fernab des Materialismus, sollte man schon mitbringen.

    Kann man als Familie im Tiny House leben?

    Ich glaube, das ist eher schwierig. Ein Tiny House eignet sich besser für Singles oder Paare. Wer als Familie den Urlaub im Camping-Van als zu eng empfunden hat, wird sich schwer auf Dauer mit den Platzverhältnissen in einem Tiny House anfreunden können. Das Konzept eignet sich eher für eine bestimmte Lebensphase. Oder man nutzt es als Wochenendhaus.

    Ihr aktuelles Buch „Winzig2“ ist wie eine kleine Weltreise. Wie haben Sie die Häuser alle gefunden?

    Da das Buch auch auf Englisch erschienen ist, wollte ich einen globalen Rundumschlag machen. Viele Tiny Houses ist Deutschland gleichen sich sehr, ich wollte eine größere Bandbreite zeigen. Zu Beginn hatte ich über 200 Häuser auf meiner Liste, die ich online gefunden habe. Ich musste dann eine Auswahl treffen. 2015, bei den Recherchen zu meinem ersten Buch, gab es noch viel weniger Häuser. Das Thema boomt und hat eine breite Masse erreicht.

    Viele der Häuser in Ihrem Buch stehen an sehr entlegenen Orten, etwa in Wäldern oder in den Bergen. Dann zeigen Sie aber auch Beispiele in Quito/Ecuador oder Osaka, also in urbanen Gebieten. Wie wichtig ist die Umgebung für ein Tiny House?

    Wahnsinnig wichtig. Dadurch, dass drinnen nur sehr wenig Fläche zur Verfügung steht, ist das Drumherum umso bedeutender. Ich will nicht aus dem Fenster schauen und auf eine Hauswand starren, und eine schöne Umgebung erweitert ja auch die Fläche zum Leben. Ich glaube auch, dass Tiny Houses in warmen Gebieten deutlich besser funktionieren als etwa in North Dakota, wo wir fast sechs Monate im Jahr Winter haben.

    Viele schätzen das Tiny House, weil sie darin energieautark leben können. Was braucht man für eine technische Ausstattung?

    Ein Tiny House ist klein, also braucht man auch weniger Energie, um darin zu leben. Viele haben kleine PV-Anlagen auf dem Dach, um Solarstrom zu produzieren, und Solarthermie-Anlagen für warmes Wasser. Das Regenwasser lässt sich auffangen und gefiltert zum Putzen, Waschen und Duschen verwerten. Was ich interessant finde, sind ökologische Kompost-Toiletten, die ohne Wasser funktionieren und (angeblich) komplett geruchlos sind. Zum Heizen wird häufig Gas verwendet oder kleine Holzöfen. Als Architektin gucke ich besonders auf die Gebäudehülle – je besser ein Haus gedämmt ist, desto weniger muss natürlich geheizt werden. Das gilt auch für den Sommer, wenn die Hitze nicht zu stark hineinkriechen und es drinnen kühl bleiben soll.

    Sind unsere neuen Lebenswelten seit Ausbruch der Corona-Pandemie kontraproduktiv für die Tiny-House-Bewegung? Viele Menschen haben genug davon, auf engem Raum zu leben.

    Tiny Houses gibt es ja auch als mobile Variante, die auf einem Anhänger gebaut und transportabel ist. Ich glaube, gerade jetzt haben viele Menschen das Bedürfnis, ihr gewohntes Terrain zu verlassen und woanders zu sein, sei es auch nur für kurze Zeit. Dafür eignet sich so ein Tiny House sehr gut.

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