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    So bleibt man im Winter maximal energieeffizient Neujahrsvorsätze - so halten Sie durch

    Kolumne #4:
    Die Geschenketreppe

    Autor David Siems
    David Siems
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen
    der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen
    spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und
    Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen
    oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an
    hallonachbar@ewe.de.

    Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich großer Fan vom Recyclinghof bei uns um die Ecke. Jedes Mal, wenn ich dort hinkam, um mich von Altlasten zu befreien, fühlte ich mich im Anschluss tatsächlich ein bisschen leichtfüßiger und fitter, wenn nicht sogar: gereinigter. Wie es der Zufall will, haben meine Nachbarn aus dem ersten Stock dieses Hochgefühl buchstäblich zu uns vor die Haustür geholt. Seit ein paar Wochen legen die Anwohner ihr altes Hab und Gut auf die Treppenstufen, gerne liebevoll drapiert. Gebügelte Hemden mit kleinen Makeln, verstaubte Brockhaus-Gesamtausgaben oder vergessen geglaubte Sachbücher mit Titeln wie „Internet für Anfänger – mit CD-Rom!“. Manche Spaziergänger beäugen das Kleinod und murmeln süffisant „Mini-Sperrmüllhalde“. Wir sprechen liebevoll von der „Geschenketreppe“.

    Geschenketüten auf einer Treppe

    Der Clou: Was auch immer man dort ablegt, findet nach spätestens fünf Minuten einen neuen Besitzer. Man kann förmlich die Uhr danach stellen. Neulich entledigte ich mich auf dem Weg zur Mülltonne einer alten und löchrigen Jeans, die wie von Geisterhand verschwunden war, als ich aus dem Innenhof nach ein paar Sekunden wieder durch die Haustür schlüpfen wollte, weil mich der Winterwind doch sehr fröstelte. Im Treppenhaus rätselte ich: Habe ich vielleicht Nachbarn, die sich aus Langeweile, Neugier oder chronischem Entdeckertum hinter der Kastanie an der Ecke verstecken und den ganzen Tag auf ein neues kleines Geschenk warten?

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe auch schon tolle Entdeckungen auf der Geschenketreppe gemacht. Etwa ein nahezu unversehrtes Werder-Bremen-Trikot aus dem Meisterjahrgang 2004 in Größe L. Oder eine „Best of Motown Classics“-CD. Für freudiges Glucksen sorgte auch die Prinzessin-Lillifee-Tasse aus Hartplastik. Zumindest bei meiner Tochter, die mich im letzten Moment davor bewahren konnte, das rosafarbene Ungetüm im Hausmüll verschwinden zu lassen.

    Der Grund, warum ich die Geschenketreppe wirklich liebe, hat sich mir erst kurz nach Weihnachten offenbart. Auf dem morgendlichen Weg zum Bäcker erblickte ich mit Entzücken ein neongelbes Laufshirt mit silbernen Reflektor-Applikationen. Die grelle Farbe und der Aufdruck „Forever Faster!“ mochten vielleicht etwas prätentiös wirken, passten aber absolut zu meinem Neujahrsvorsatz, endlich mit dem Joggen anzufangen. Berauscht von meinem Vorhaben, trug ich das Shirt auch auf der Silversterparty meiner Nachbarn Gesa und Karsten. Als ich beschwingt zum Büffet in der Küche tänzelte, begrüßte mich die Gastgeberin mit einem erstaunten Blick auf meinen Oberkörper: „Ach witzig, das gleiche Shirt habe ich Karsten zu Weihnachten geschenkt. Ich möchte doch so gerne, dass er ein paar Kilo abtrainiert und endlich mit dem Laufen anfängt. Karsten, schau doch mal!“ Der arme Kerl konnte sich unter Höchstanstrengung ein gequältes Lächeln abgewinnen. Ein Blick in seine Augen verriet mir eindeutig, wer das quietschgelbe „Forever Faster“-Shirt wohl vor die Tür gelegt hatte. Ach, du geliebte Geschenketreppe!

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