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    Kolumne #13: Meine Kindheit in der Hippie-Kommune

    Autor David Siems
    Der Kolumnist
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    In unserer Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Wenn ich an den Klang meiner Kindheit zurückdenke, dann ist da der ewig nörgelnde Quetschgesang von Bob Dylan, das Quietschen des Türchens am Kohleofen und das sanfte Zureden meiner Mutter: „Nun stell’ dich nicht so an, soooo kalt ist es doch gar nicht …“, immer dann, wenn der Heißwasserboiler im Badezimmer schlapp machte und ich kalt duschen musste. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Aber sie war irgendwie auch sehr speziell. Ich bin nämlich in einer Hippie-Kommune in Hamburg aufgewachsen. Oder besser gesagt: In einem alternativen Wohnprojekt mit ziemlich erinnerungswürdigen Nachbarn.

    Hippies mit Gitarre im Wohnwagen

    Das kam nämlich so: Mein Vater lernte in den 70er Jahren meine Mutter kennen, beide zogen in ein Studentenwohnheim, starteten kurz darauf die Revolte – und das neue Wohnkollektiv schmiss den Vermieter raus. Man arrangierte sich mit der Stadt, fortan selbstverwaltend als Verein das Zusammenleben zu fördern. Das lockte umgehend die schrägsten Vögel der Stadt an, die umgehend meine Nachbarn wurden. Etwa Ecki, der jede Nacht enthemmte Nackt-Trommelpartys veranstaltete und einmal im Wohnzimmer ein Lagerfeuer entzündete, „um ein bisschen das Waldfeeling“ zu fördern. Oder Danuta, die jeden Sonntag zum spirituellen Massen-Yoga unter freiem Himmel einlud. Natürlich auch wieder nackt. Und Flocke, der das halbe Jahr einfach in einem selbstgenähten Zelt unter einem Kastanienbaum schlief, weil es ihm in seiner Wohnung oft zu eng wurde. „Ich mag es so gerne, den Blättern beim Wachsen zuzuhören“, erklärte er mir oft.

    Ja, es gab viele nackte Nachbarn. Vielleicht lag es daran, weil alle ihre Kohleöfen zu sehr befeuerten, und komfortable Dinge wie Zentralheizung noch eine Verheißung aus der Zukunft waren. Als wir Ende der 80er im Bad endlich den Heißwasserboiler durch eine (gefühlt futuristische) Gastherme ersetzt bekamen, fühlten sich meine Eltern wie Pioniere im Wohnkollektiv. Einziger Nachteil: Den buchstäblich nackten Tatsachen musste ich fortan fast täglich ins Gesicht schauen. Ecki, Danuta und Flocke (und viele weitere Nachbarn) kamen jetzt nämlich regelmäßig zum Duschen vorbei, um ein wenig vom Wellness-Feeling zu kosten.

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