hallo nachbar
Suche
Suche schließen

    Dazu haben wir 215 Artikel gefunden

    Teilen
    
    11 Tipps für Nachhaltigkeit an Weihnachten Die besten Apps zu Weihnachten

    Partytime: Die Welt zu Gast bei Nachbarn

    Autor David Siems
    Der Kolumnist
    Mehr erfahren
    In unserer neuen Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    Letztes Wochenende war es wieder soweit, die Studenten-WG drei Stockwerke über mir hatte zum feucht-fröhlichen Stelldichein gebeten. Dumm nur, dass ich gar nicht eingeladen war. Die hastig hingekrakelte Hausmitteilung hing wie eine Mischung aus Damoklesschwert und verbaler Androhung über dem Laufrad meiner Tochter im Treppenhaus. „Liebe Nachbarn, ich feiere am Samstag meinen 21. Geburtstag. Es könnte also etwas lauter werden! Bitte nicht die Polizei rufen, sondern vorbeikommen und auf dem Dampfer der guten Laune den einen oder anderen Schnaps mittrinken, ok?“ Eigentlich ein kompletter Widerspruch: Ich bin nicht eingeladen, werde aber mit Alkohol bestochen, wenn ich auf die Idee kommen sollte, die Staatsgewalt zu rufen. Hah, was sind das denn für Leichtmatrosen!
    Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Jeder Mensch sollte in den eigenen vier Wänden hin und wieder mal die Contenance verlieren, die Hände in die Luft werfen und sich völlig enthemmt und ekstatisch zum Klang der Musik hingeben. Feel free to feel free.

    Nachbarn feiern eine Party.

    Als um 3.21 Uhr am Sonntagmorgen aber immer noch Helene Fischer atemlos durch die Boxen und die dünnen Hauswände trällerte, hatte auch mein Geduldsfaden ein Ende. Mein vom Kopfkissen zerknautschtes Gesicht und die roten Augen würden mir gleich das nötige Quäntchen Verwegenheit und Autorität verleihen, wenn ich zum aufbrausenden Haudegen im Bademantel werden würde. Nach fünfmaligem Stakkato-Klingeln öffnete sich die Tür der Schlager-WG. Doch statt meiner Nachbarn, sah ich nur eine wabernde Masse von jungen Menschen, die krakeelten, wie junge Äffchen durch die Wohnung sprangen, in Euphorie vereint und für meine Augen kaum greifbar. Die Luft roch nach Rauch und süßlichem Schweiß, Champagner und Freiheit. Wie viele Menschen waren hier? Hunderte? Tausende? Von meinen Nachbarn war weit und breit keine Spur. In der Küche wurde vergeblich ein Champagnerbrunnen errichtet, im Flur trug man ein Mädchen auf Händen zur Tanzfläche ins Wohnzimmer.

    „Was für ein schrecklich-schönes Kaleidoskop, oder?“, hörte ich eine Frauenstimme neben mir sagen. Oder sagte sie „Tolle Party“? Egal. Es war Julia, die neue Nachbarin aus dem Souterrain, alleinerziehend, so wie ich. „Trinken wir was?“, fragte sie und hielt mir die offene Flasche hin. Plötzlich fand ich Helene Fischer doch gar nicht mehr so doof. Als ich um kurz vor 7 Uhr wieder in meine Wohnung schwebte, schlief meine Tochter noch. Ich setzte mich, müde, aber beseelt, schloss kurz die Augen und dachte heimlich: „Wann ist wohl die nächste Party?“

    Wie fanden Sie diesen Artikel?

    3 Bewertungen