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    Kolumne #6:
    Die Violine des Grauens

    Autor David Siems
    Der Kolumnist
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    In unserer neuen Kolumne "Die lieben Nachbarn" nimmt David Siems im Wechsel mit Autor Klaus Werle die Höhen und Tiefen der Nachbarschaft unterhaltsam unter die Lupe. Denn die wahren Dramen spielen im Mietshaus zwischen Studenten-WG, Briefkasten und Fahrradkeller. Wenn Sie die beiden gutnachbarschaftlich mit Erlebnissen oder Anekdoten unterstützen möchten, schreiben Sie eine Mail an hallonachbar@ewe.de.

    La-la-la-la-la-laaaa! Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich liebe Musik. Vor allem finde ich es lobenswert, wenn Kinder schon früh zum Instrument greifen, um ihre kreativen Gene zu schulen und sich im Klang der Melodien verlieren. Neulich habe ich gelesen, was ich insgeheim schon immer vermutet habe: Dass durch stetiges Musizieren Bereiche des Gehirns besser entwickelt werden, genauer gesagt im Neocortex, in dem Langzeiterinnerungen gespeichert werden. Das soll einem im Alter sogar besser vor Krankheiten wie Demenz oder Alzheimer schützen. Nun habe ich leider ein Problem: Seitdem unsere Nachbarin Carlotta (neun Jahre alt, höflich, Zahnlücke, Strubbelhaare) vor zwei Monaten mit dem Geige spielen angefangen hat und täglich übt, habe ich das Gefühl, dass sich vor allem mein Gehirn deutlich ZURÜCKbildet. Langsam. Schleichend. Unaufhaltbar. Die Tücken der eigentlich gemütlichen Altbauwohnung im fünften Stock offenbaren sich allabendlich gegen 18.30 Uhr, wenn sich die quietschend-schreienden Klagelaute durch unsere Wände und in meine Ohren dringen. Akustische Horrorstunde zum Abendbrot. Die gefühlslose Geige der Gewalt geistert mit Grauen durchs Gemäuer.

    Mädchen spielt Violine

    Wenn ich Carlotta im Treppenhaus begegne, kann ich mir seither nur noch mit Mühe ein freundliches Lächeln abringen. Lieber würde ich ihr eigentlich den kleinen Instrumentenkoffer aus der Hand nehmen und die Geige über meinem angewinkelten Knie in zwei Teile brechen. Das geht leider nicht, denn a) ist Carlottas mit meiner Tochter gut befreundet und b) war Carlottas Vater angeblich früher viele Jahre beim israelischen Militär, bevor er nach Deutschland kam, um ein Fisch-Restaurant zu eröffnen. Er würde mich, um im Bild zu bleiben, wohl im Handumdrehen filetieren und ausnehmen, falls das Gewässer der Nachbarschaft zu unruhig werden würde. Es muss also ein anderer Plan her, um die vermaledeite Violine endlich zum Schweigen zu bringen.

    Meine Idee: der proaktive akustische Gegenangriff. Nach einem „Beatles Themenwochenende“ mit meiner Tochter (auf dem Filmprogramm standen „A Hard Day’s Night“, „Yellow Submarine“ und die neuere Doku „Eight Days a Week – The Touring Years“) sowie dem ständigen Fingerzeig auf die visionäre Bedeutung der Fab Four für die weitere Musikgeschichte, hat sie sich in den jungen Paul McCartney verguckt. Und der spielt Bass. Jetzt will meine Tochter auch Bass spielen. Die gute Nachricht: Bass wummert immer so schön durchs Gemäuer. Das hat meine Tochter bereits mehrfach ausprobiert, nachdem ich letzte Woche im Musikgeschäft war und einen E-Bass samt Verstärker gekauft habe. Okay, ich gebe zu, aktuell spiele ICH noch recht häufig. Vor allem dann, wenn das Geigen-Gegniedel von nebenan ertönt. Aber: Ich sehe es plötzlich wieder ganz positiv – vielleicht gründen Carlotta und meine Tochter bald eine Band? Dann aber bitte mit Proberaum.

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