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    Woher kommt die Sehnsucht nach weißen Weihnachten?

    Wenn es Winter wird, hat niemand Lust auf nerviges Nieselwetter. Die Frage lautet: Wann schneit es endlich wieder? Doch vorher kommt eigentlich die große Sehnsucht nach weißer Weihnacht und Schnee zum Fest? hallonachbar.de hat die Psychologin Katharina Ohana gefragt.

    Foto: Shutterstock
    Dr. Katharina Ohana
    Dr. Katharina Ohana
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    hat Philosophie und Psychologie an der Goethe Universität in Frankfurt studiert und über das Thema „Willensfreiheit“ an der Sigmund Freud Universität in Wien promoviert. Sie arbeitet seit zwanzig Jahren als freie Wissenschaftlerin und berät verschiedene Firmen und Fernsehsender. 2019 wird ihr fünftes Buch „Willensfreiheit und Narzissmus. Oder: Was ist der Mensch?“ erscheinen.

    Frau Ohana, erinnern Sie sich, wann Sie das letzte Mal weiße Weihnachten erlebt haben?

    Das war 2011, als in ganz Deutschland sehr viel Schnee lag. Ich war bei meinem Vater im Taunus, der Förster ist. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass man auch als Förstertochter alljährlich mit Tannenbäumen zu tun hat, ich wurde da bereits als Kind eingebunden. Ohnehin ist es interessant, wie viele Menschen noch auf den allerletzten Drücker einen Baum brauchen. Sogar an Heiligabend standen mittags noch Freunde bei uns. Abends war dann endlich Ruhe.

    Nicht nur ein Tannenbaum, sondern auch Schnee gehört für viele zu Weihnachten. Woher kommt unsere Sehnsucht, dass es zum Fest unbedingt schneien muss?

    Schnee wird immer seltener und unwahrscheinlicher. Das liegt an der Klimaerwärmung, die wiederum den Wunsch nach Schnee verstärkt. Mit weiße Weihnachten verbinden wir die gute, alte Zeit, wo der Weihnachtsmann durch den Schnee stapft und alles um uns herum ganz ruhig wird. Die Landschaft ändert sich innerhalb kurzer Zeit komplett und wird zugedeckt. Der ganze Lärm und alles, was uns aus der Ruhe bringt, tritt plötzlich in den Hintergrund. Das ist die Sehnsucht in uns nach Ruhe, Stille und tiefen Bindungen. Die Vorstellung von weiße Weihnachten ist somit Teil einer Inszenierung, wie wir es eigentlich gerne hätten, obwohl viele die Wochen vor dem Fest als die stressigste Zeit des Jahres empfinden.

    Sehnsucht hat oft ja auch mit Nostalgie und mit der Erinnerung an unsere Kindheit zu tun.
    Wünschen wir uns insgeheim ein Weihnachten, wie wir es als kindliche Erinnerung festgehalten haben?

    Je länger Erinnerungen her sind, desto schöner werden sie. Das ist eine typische Angewohnheit der Psyche, dass wir das Schlechte herausfiltern. Wir „verschönern“ unsere Erinnerungen. Das hat mit einer positiven Identität zu tun, die überlebenstauglicher ist, als wenn man mit Selbstzweifeln durchs Leben läuft. Da hier aber auch unsere Sehnsüchte mitreinspielen, sind Kindheitserinnerungen ein Stück weit Verblendung. Die große Liebe, die perfekte Familie oder das Weihnachtsfest sind Themen, die wir gerne verklären. Sie sollen perfekt sein. Wir alle haben so etwas wie ein kollektives kulturelles Unterbewusstsein und sehr ähnliche Vorstellungen, wie unsere Sehnsüchte aussehen.

    Inwiefern werden wir dabei durch Bücher, Filme und Werbung beeinflusst, die eine perfekte Winterwelt zeigen?

    Der Einfluss ist massiv. Die Begabung zur Fantasie haben wir bereits in uns drin, das ist ganz normal, aber sie werden durch die äußeren Idealbilder unserer Kultur gefüllt. Das Leben, wie es sein sollte, ist bei uns eines wie in der Werbung. Doch leider gibt es da die „blöde“ Realität, die nicht unseren Sehnsüchten entspricht. Je mehr wir krampfhaft an unseren Wünschen festhalten, desto schwieriger wird es, sich mit realen Situationen auseinanderzusetzen.

    Wo werden Sie dieses Jahr Weihnachten verbringen?

    Wie immer im Taunus in großer Familienrunde bei meinem Vater. Der ist ein wunderbarer Koch. Wir verzichten seit Jahren ganz bewusst auf Geschenke. Wir sind von Haus aus ja eine Familie, die versucht sehr ökologisch zu denken und zu handeln. Schließlich sollen die Kinder in der Familie auch noch mal ab und zu Schnee erleben können.

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