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    Klaus-Peter Wolf: Star-Autor verrät seine Lieblingsorte

    Er verkauft Millionen von Büchern, seine Krimis werden im ZDF verfilmt, trotzdem hat er sich seine norddeutsche Bodenständigkeit bewahrt. Klaus-Peter Wolf wohnt in Norden an der Nordseeküste und ist bekannt für seine authentischen Schauplätze und Figuren. Im Interview mit hallonachbar.de spricht er über seine Lieblingsorte.

    Ute Bruns/SKN Info

    Herr Wolf, wie wichtig sind die realen Orte und Personen in Ihren Krimis?

    Ich erinnere mich an das erste Gespräch mit meinem Verleger während einer Wattwanderung. Damals sagte ich zu ihm: Ich möchte, dass in meinen Büchern die Landschaft ein Protagonist der Handlung wird. Die Orte sollen so wichtig sein, wie eine handelnde Person. Den Krimi könnte man auch nicht einfach verlegen, etwa in die Schwäbische Alb. Das funktioniert nicht.

    Weil Sie da auch nicht leben.

    Genau. Ich muss immer alles sehen, riechen, schmecken und mit allen Sinnen erfahren. Und dann erfinde ich eine Handlung, die dort spielt. Ein Beispiel: Ich finde, dass jede Nordseeinsel anders ist. Langeoog und Wangerooge sind beides autofreie Inseln, aber sie sind vollkommen unterschiedlich. Sie riechen unterschiedlich und man bewegt sich unterschiedlich. Wenn ich auf Langeoog ankomme und aus der Inselbahn steige, miete ich mir sofort ein Fahrrad. Meine Frau auch. Wenn ich von der Barkhausenstraße zur Meierei und bei Gegenwind wieder zurück möchte, dann wäre mir das zu Fuß einfach zu weit. Dort kann man auch wunderbar durch das Pirolatal fahren. Wenn wir auf Wangerooge sind, kommen wir wiederum überhaupt nicht auf die Idee, uns ein Fahrrad zu besorgen. Dort gehen wir eher in den Dünen und am Strand spazieren. Hier ist man viel näher am Meer.

    Was lieben Sie noch auf den Inseln?

    Die Sommergewitter.

    Warum?

    Man ist dort auf ganz extreme Weise dieser Naturgewalt ausgesetzt. Ich gehe auf den Balkon, werde natürlich klatschnass und habe das Gefühl, dass ich die Blitze alle um mich herum sehe. Manchmal gehen sie auch geradlinig über das Wasser. Ich finde das so verrückt. Ich habe auf Wangerooge bereits Gewitter erlebt, die waren so großartig. So lange man nicht von einem Blitz getroffen wird oder es irgendwo anfängt zu brennen, ist das fantastisch. Ein Gewitter in der Großstadt ist ein Witz dagegen.

    Sie sprachen über die Gerüche – welche Nordseeinsel riecht denn am besten?

    Auf Spiekeroog riecht es manchmal wie in der Heidelandschaft. Da liegt so ein Kräuterduft in der Luft. Man nennt sie ja auch die „grüne Insel“, weil es dort sehr viel Pflanzenwachstum gibt. Das ist auf den anderen Inseln anders. Mit Langeoog verbinde ich sehr stark den Geruch von frischem Kaffee. Dort gibt es viele Cafés an den Straßen und auch eine eigene Inselrösterei. Bei sanftem Nordwestwind riecht man das auf einhundert Meter. Zum Glück gibt es dort keine Autos, das trägt zum reinen Duft der Insel bei.

    So ein idyllischer Ort lässt nicht unbedingt eine Krimi-Handlung vermuten.

    Doch, natürlich. Kunst lebt von Kontrast. Ich würde niemals ein Verbrechen dort begehen lassen, wo es sowieso düster ist oder wo man Angst hat. Das ist für mich ein zu starkes Klischee. An schönen Orten, wo man gerne Urlaub macht und sich entspannt, gibt es ja trotzdem Menschen, die Abgründe in sich tragen und dort hingebracht haben. Dort lasse ich meine Verbrechen geschehen. Viele Urlauber, die etwa nach Norddeich kommen, denken sich: „Boah, ich saß in der Eisdiele, wo auch der Killer gesessen hat.“ Da schmeckt ihnen das Eis gleich ganz anders. Meine Leser wissen, dass ich die Geschichten erfunden habe, das macht es für sie etwas leichter. Ich erzähle keine True-Crime-Stories. Bei mir stimmt alles: Orte, Personen, ihre Augenfarbe – nur die Verbrechen erfinde ich. Wenn Sie im „Café ten cate“ in Norden sitzen, dann kommt die Monika Tapper, serviert Ihnen Kaffee und sieht auch genauso aus, wie im Buch beschrieben. Mit der kann man sich auch ganz wunderbar über die Bücher unterhalten. Das schafft für viele eine ganz eigene Faszination.

    Ein genialer Kunstgriff.

    … und stets ein augenzwinkender Weg zwischen Realität und Fiktion. Die Leser bewegen sich dann auf den Inseln in einer literarischen Kulisse. Bei mir wird Literatur erlebbar.

    Echte Personen im echten Umfeld: In Ihrem neuen Buch „Ostfriesenzorn“ lernen wir auch „Tagesschau“-Sprecherin Judith Rakers kennen. Wie kam es dazu?

    Wir kannten uns bereits aus der einen oder anderen „3 nach 9“-Talkshow und haben uns stets gut verstanden. Wir hatten einen Draht zueinander. Vor ein paar Jahren drehte sie auf Langeoog für den NDR eine Reportage über die Nordsee-Inseln und bat mich darum, dass ich sie an die Orte führe, wo ich literarische Verbrechen begangen habe. Das hat Spaß gemacht. Abends beim Essen schlug ich ihr vor, dass ich unseren gemeinsamen Tag doch in ähnlicher Form für den Beginn meines nächsten Krimis verwenden könnte. Sie war begeistert, guckte mich aber mit bangem Blick an und fragte: Muss ich sterben? Als ich verneinte, war sie sehr erleichtert.

    Wie oft bekommen Sie Angebote von Café, Restaurant- oder Hotelbetreibern, die Sie freundlich darum bitten, im nächsten Buch erwähnt zu werden?

    Ständig. Blöderweise liegt hier ein Irrtum vor: Was ich mache, ist ja keine Werbung, sondern Authentizität. Das ist etwas völlig anderes. Ich will etwas erschaffen, das wiedererkennbar und überprüfbar ist. Wenn das gut ist, okay, dann wirbt das automatisch für das Geschäft oder das Restaurant. Ich habe Betreibern bereits augenzwinkernd gedroht: Wenn Sie in Zukunft die Preise hochtreiben, nur weil ihr Laden in meinem Buch vorkommt, dann wird man in meiner nächsten Geschichte eine Leiche auf ihrer Toilette finden. Und niemand wird genau wissen, woran die Person gestorben ist! Ganz im Ernst: Bei mir kann sich niemand einkaufen. Ich habe 13 Millionen Bücher verkauft, ich bin darauf nicht angewiesen.

    Werden Sie hofiert, wenn Sie in ein Restaurant treten?

    Nein, überhaupt nicht. Das läuft eher so auf der Ebene wie beim Griechen ab, wo man nach dem Essen eine Runde Ouzo spendiert bekommt. Die Menschen auf den Inseln sind sehr offen und bodenständig.

    Sind denn die Orte in Ihren Büchern auch Ihre persönlichen Lieblingsorte?

    Ja, absolut. Mein Lieblingscafé ist auch das Lieblingscafé der Kommissarin. Ich muss die Dinge doch kennen und gut beschreiben können. Wenn mir dort etwas gut schmeckt, dann gehe ich in die Küche und frage: Wie hast du das gemacht? Auch meine Frau und meine Freunde tauchen alle in den Büchern auf, das macht einen Teil der Authentizität aus. Eine Fernsehredakteurin hat mir mal früher gesagt: „Sie können wahnsinnig gut Personen beschreiben. Etwa der Maurer … Man hat das Gefühl, als ob es die Person wirklich geben würde.“ Da habe ich gelacht und gesagt: „Klar, komm vorbei, das ist mein Nachbar. Den kannst du gerne kennenlernen.“

    Welche neuen Lieblingsorte haben Sie erst kürzlich entdeckt?

    In meinem neuen Roman spielt Leer eine ganz wichtige Rolle. Zum ersten Mal habe ich festgestellt, wie wunderschön doch die Innenstadt ist. Ein zauberhafter Ort. Je öfter ich da war, desto mehr kam der Wunsch auf, hier die Handlung spielen zu lassen. Etwa am Hafen oder in der Buchhandlung Taraxacum, wo eine Leiche abgelegt wird. Leer habe ich wirklich für mich neuentdeckt.

    Sie sind 1954 im Ruhrpott geboren – wann und warum hat es Sie in den Norden verschlagen?

    Als Kind bin ich in Gelsenkirchen in sehr schlechter Luft aufgewachsen. Heute ist das nicht mehr so, aber damals war die Luftqualität wegen der Metallindustrie noch schlechter. Ich musste stets bei geschlossenem Fenster schlafen und habe nicht gut Luft bekommen. Damals hieß es salopp, der Kleine hat Asthma. Hatte ich aber gar nicht. Ein Onkel von mir kam aus Osfriesland und sagte zu meinem Glück: „Der Junge muss ans Meer“. Im nächsten Urlaub ging es dann an die Küste, da war ich eineinhalb Jahre alt. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich richtig Luft bekommen, das Meer gesehen, im Watt gesessen und auf einem Bauernhof eine Kuh gestreichelt. Ich glaube, das hat mich früh sehr stark geprägt.

    Ihre Eltern kamen mit Ihnen dann immer wieder?

    Ja, jedem Sommer. Später, als ich erwachsen war, und in Köln oder im Westerwald lebte, hat es mich immer noch Ostfriesland gezogen. Das war mein Sehnsuchtsort. 2003 bin ich mit meiner Frau endgültig in ein Haus nach Norden gezogen. Ich habe es keinen Tag bereut. Ich erinnere mich an das erste Weihnachtsfest: Im Haus war alles leer, wir haben auf Luftmatratzen geschlafen und nichts außer einem kleinen Kaffeekocher gehabt. Es war wundervoll. So viel Platz hat man nie wieder im Leben.

    Pflegen Sie eigentlich Rituale, bevor Sie an die Arbeit gehen?

    Ich benutze keinen Laptop oder Computer, sondern schreibe mit Füller in dicke Kladden. Dafür suche ich mir gemütliche Orte, etwa ein Café oder einen Strandkorb. Im Zug schreibe ich auch oft. Oder natürlich auch zu Hause. Dann komme ich, so wie gestern, auch mal an den Punkt, wo ich mich frage, wie es mit der Handlung weitergehen soll. Dann sind meine Frau und ich gemeinsam mit einer Freundin aufs Rad gestiegen und sind von Norddeich nach Greetsiel gefahren. Immer schön am Deich entlang. Das sind etwa 28 Kilometer. Fahrradfahren am Deich – das macht den Kopf frei. Danach fühle ich mich anders. Das ist aber kein Ritual, das ich regelmäßig vor dem Schreiben brauche. Ich kann eigentlich immer und überall schreiben. Man darf mich nur nicht zu lange am Schreiben hindern. Dann werde ich zu einem ganz blöden Spießer. Meine Frau sagt immer: Solange er genügend schreibt, ist er ein ausgeglichener und netter Mann.

    Wie bringen Sie ihre vollgeschriebenen Kladden denn in Buchform?

    Ich spreche meine Texte in ein Diktiergerät. Das heißt, ich lese mir die Geschichte laut vor. Dabei bekommt man ein gutes Gefühl für die Sprache und den Rhythmus. Da kommt es dann vor, dass mir ein Satz schon beim Vorlesen peinlich ist, weil er zu sehr holpert. Gesprochene Sprache spielt eine wichtige Rolle in meinen Büchern, deshalb spreche ich auch meine Hörbücher selbst ein. Die finalen Texte werden zum Schluss von einer Assistentin, mit der ich bereits seit 35 Jahren zusammenarbeite, digital verschriftlicht. Ein Journalist hat mal zu mir gesagt: „Ich lese deine Bücher und habe dabei das Gefühl, du stehst neben mir an der Theke und erzählst mir deine Geschichte.“

    … das schönste Kompliment, dass Sie für Ihre Arbeit bekommen haben?

    Nein. Das schönste Kompliment habe ich in einem Radiobeitrag vom Südwestfunk gehört. Ich saß am Autosteuer, als die Stimme sagte: „Man kann Klaus-Peter Wolf viel vorwerfen, aber im Gegensatz zu seinen Kritikern hat er uns nie gelangweilt.“ Das können Sie gerne auf meinen Grabstein schreiben.

    Aktuelles Buch: „Ostfriesenzorn“, Fischer Verlage, 544 S., 12 Euro

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