Immer mehr Wind- und Solarstrom wird dezentral eingespeist, während Wärmepumpen, Elektroautos und elektrische Anwendungen zusätzliche Leistung benötigen. Damit Strom weiterhin zuverlässig dorthin gelangt, wo er gebraucht wird, müssen Leitungen, Transformatoren und Umspannwerke bedarfsgerecht verstärkt, erweitert und digitalisiert werden.
Das Stromnetz gehört zu den zentralen Infrastrukturen der Energiewende. Es muss Strom jederzeit zuverlässig von den Orten der Erzeugung zu den Orten des Verbrauchs transportieren. Genau diese Verteilung verändert sich: Wind- und Solarenergieanlagen speisen an immer mehr Stellen Strom ein, während Wärmepumpen, Wallboxen und elektrische Anwendungen in Haushalten und Unternehmen neue Lasten erzeugen. Deshalb muss das Netz dort erweitert und verstärkt werden, wo die vorhandene Kapazität für die künftigen Stromflüsse nicht ausreicht.
Wichtig dabei: Netzausbau bedeutet nicht, dass das heutige Stromnetz grundsätzlich zu schwach oder unsicher ist. Deutschland verfügt über eine der zuverlässigsten Stromversorgungen weltweit. Der Ausbau sorgt vielmehr dafür, dass diese Zuverlässigkeit auch erhalten bleibt, wenn sich Erzeugung und Verbrauch weiter verändern.
Warum reicht das bestehende Stromnetz nicht überall aus?
Das Stromnetz wurde über Jahrzehnte für ein Energiesystem entwickelt, in dem vergleichsweise wenige große Kraftwerke Strom erzeugten. Von dort floss die Energie über verschiedene Netzebenen zu Städten, Unternehmen und Haushalten. Mit der Energiewende wird dieses Prinzip vielfältiger. Heute speisen hunderttausende Photovoltaikanlagen, Windenergieanlagen und andere dezentrale Erzeuger Strom an vielen unterschiedlichen Punkten ins Netz ein.
Gleichzeitig wird in immer mehr Bereichen Strom genutzt. Elektroautos ersetzen Benzin oder Diesel, Wärmepumpen nutzen Strom zum Heizen und auch industrielle Prozesse werden zunehmend elektrifiziert. Dadurch steigen nicht nur die insgesamt benötigten Strommengen. Entscheidend ist auch, wie viel Leistung an einem bestimmten Ort zur gleichen Zeit gebraucht oder eingespeist wird.
Ein Netzabschnitt kann deshalb über das Jahr betrachtet ausreichend dimensioniert sein und trotzdem zu bestimmten Zeiten an seine Belastungsgrenze kommen. Das kann zum Beispiel an einem kalten Winterabend passieren, wenn viele Wärmepumpen laufen und gleichzeitig Elektroautos laden. Umgekehrt kann an einem sonnigen Mittag in einem Wohngebiet sehr viel Solarstrom gleichzeitig ins Netz eingespeist werden. Im Interview erklärt Gert Jüchter, Leiter der Netzleitstelle Strom beim Energienetzbetreiber EWE NETZ, was Stabilität im Energiesystem bedeutet.
So verändern Wind- und Solarenergie die Stromflüsse
Wind- und Solarstrom werden wetterabhängig erzeugt. Zudem entsteht erneuerbarer Strom häufig nicht dort, wo er gerade benötigt wird. Große Windparks befinden sich vor allem im Norden Deutschlands und auf See, während große Verbrauchszentren auch in anderen Regionen liegen. Deshalb muss das Übertragungsnetz große Energiemengen über weitere Entfernungen transportieren können. Die Bundesnetzagentur nennt diese räumliche Verschiebung der Stromerzeugung als einen zentralen Grund für den Netzausbau.
Auch im regionalen Verteilnetz verändern erneuerbare Energien die Flussrichtung. Ein Haus mit Photovoltaikanlage bezieht nicht nur Strom aus dem Netz, sondern speist bei einem Überschuss selbst Strom ein. In einer Straße mit vielen Photovoltaikanlagen kann deshalb zeitweise mehr Strom aus dem Wohngebiet herausfließen als hinein. Das Netz muss beide Situationen bewältigen können.
Auf Veränderungen bei Einspeisung, Verbrauch und Stromflüssen reagieren wir fortlaufend. So sorgen wir dafür, dass unser Netz sicher betrieben wird und kein Netzabschnitt überlastet wird.
Gert Jüchter, Leiter Netzleitstelle Strom bei EWE NETZ
Reicht die Transportkapazität an einer Stelle nicht aus, müssen Netzbetreiber die Stromflüsse anpassen. Solche Eingriffe werden unter anderem als Redispatch bezeichnet. Der Netzausbau soll dazu beitragen, solche Engpässe zu verringern und mehr erneuerbaren Strom aufnehmen zu können.
Wärmepumpen und E-Autos: neue Anforderungen vor Ort
Ein Kühlschrank, ein Fernseher oder eine Lampe benötigen vergleichsweise wenig Leistung. Wärmepumpen und Wallboxen liegen deutlich darüber. Wenn in einem Wohngebiet viele solcher Geräte hinzukommen und gleichzeitig genutzt werden, steigt die Belastung der örtlichen Leitungen und Transformatoren.
Für die Planung des künftigen Stromnetzes betrachtet die Bundesnetzagentur unterschiedliche Entwicklungspfade. Je nach Szenario werden dann rund 7,7 bis 9,5 Millionen Wärmepumpen sowie 27,8 bis 37,8 Millionen Anwendungen im Bereich Elektromobilität angenommen. Wie schnell der Hochlauf tatsächlich erfolgt, ist offen. Klar ist jedoch: Lokale Stromleitungen und Transformatoren sind nicht überall darauf ausgelegt, dass die Zahl leistungsstarker Verbraucher innerhalb kurzer Zeit stark steigt.
Dabei löst nicht jede neue Wärmepumpe oder jedes neue Elektroauto automatisch einen Netzausbau auslöst. Netzbetreiber betrachten die tatsächliche und erwartete Belastung eines Netzbereichs. Wo die vorhandene Kapazität reicht, ist keine Verstärkung allein aufgrund eines einzelnen neuen Geräts erforderlich.
Was bedeutet Stromnetzausbau konkret?
Leitungen verstärken oder zusätzliche Leitungen verlegen
leistungsfähigere Transformatoren einsetzen
Umspannwerke erweitern oder modernisieren
neue Erzeugungsanlagen und Verbraucher an das Netz anschließen
Mess-, Kommunikations- und Steuertechnik ausbauen
Netze automatisieren und den Betrieb digital überwachen
Netzausbau besteht damit nicht nur aus neuen Hochspannungsleitungen. Ein großer Teil findet in den regionalen und lokalen Verteilnetzen statt, also dort, wo Strom in Kommunen, Gewerbegebiete und Wohnviertel gelangt.
Das Stromnetz von EWE NETZ im Nordwesten Deutschlands ist vollständig verkabelt – die Leitungen liegen also im Boden. Sichtbare Freileitungen in der Region gehören dagegen zum Hoch- oder Höchstspannungsnetz vorgelagerter Netzbetreiber.
Welche Stromnetze müssen ausgebaut werden?
Vereinfacht lässt sich das Stromnetz in zwei große Bereiche unterteilen. Das Übertragungsnetz transportiert sehr große Strommengen über weite Strecken. Es verbindet Regionen und sorgt unter anderem dafür, dass Windstrom aus dem Norden in andere Teile Deutschlands gelangen kann.
Die Verteilnetze bringen Strom anschließend in die Regionen, Städte und Wohngebiete. Gleichzeitig nehmen sie einen großen Teil des dezentral erzeugten Stroms auf. Gerade hier wirken mehrere Entwicklungen gleichzeitig: mehr Photovoltaikanlagen, mehr Wärmepumpen, mehr Ladeeinrichtungen für Elektroautos und neue elektrische Anwendungen in Unternehmen. Deshalb steht sowohl der Ausbau als auch die zunehmende Bedeutung der Verteilernetze für die Systemstabilität im Fokus.
Wie intelligente Steuerung und Netzausbau zusammenspielen
Digitale Steuerung und flexible Verbraucher können vorhandene Netze besser auslasten. Ein Elektroauto muss beispielsweise häufig nicht in jeder Minute mit maximaler Leistung laden. Auch Wärmepumpen oder Batteriespeicher können ihren Strombezug innerhalb bestimmter Grenzen zeitlich verschieben. So lassen sich besonders hohe Lastspitzen reduzieren.
Diese Steuerungsmöglichkeiten können das Stromnetz kurzfristig entlasten, aber sie kann fehlende Netzkapazität nicht dauerhaft ersetzen. Digitalisierung und Netzausbau ergänzen sich also: Digitale Steuerung hilft, vorhandene Kapazitäten besser zu nutzen, der Netzausbau schafft langfristig zusätzlichen Spielraum.
Warum Speicher den Netzausbau nicht ersetzen
Batteriespeicher können kurzfristig Strom aufnehmen und später wieder abgeben. Sie helfen damit, Erzeugung und Verbrauch zeitlich besser aufeinander abzustimmen. Für ein zukünftiges Energiesystem sind Speicher deshalb ein wichtiger Baustein.
Sie lösen jedoch nicht jede Transportaufgabe. Wenn Strom an einem windreichen Tag im Norden erzeugt wird, ein großer Verbraucher ihn aber in einer anderen Region benötigt, muss die Energie zuverlässig dorthin transportiert werden können. Ebenso braucht ein Wohngebiet ausreichend Netzkapazität, wenn viele Haushalte gleichzeitig Strom beziehen oder einspeisen. Speicher, flexible Verbraucher, digitale Steuerung und Netzausbau ergänzen sich daher.
Was bedeutet der Netzausbau im Nordwesten?
Im Stromnetzgebiet von EWE NETZ zeigt sich die Veränderung besonders deutlich. Zum 1. November 2025 waren bereits mehr als 200.000 dezentrale Erzeugungsanlagen mit insgesamt über 8.500 Megawatt installierter Leistung an das Stromnetz angeschlossen. Zum Vergleich: Das entspricht bei der installierten Leistung etwa sieben bis acht Atomkraftwerken. Diese Leistung ist heute dezentral an das Verteilnetz angeschlossen und stellt entsprechend hohe Anforderungen an dessen Ausbau und Betrieb. Zusammen speisen sie pro Jahr mehr als 13 Terawattstunden erneuerbare Energie ein.
Damit diese wachsende Einspeisung aufgenommen werden kann und gleichzeitig neue Verbraucher zuverlässig versorgt werden, baut EWE NETZ seine Infrastruktur weiter aus. Dazu gehören unter anderem Leitungen, Umspannwerke und leistungsfähigere Transformatoren sowie die Digitalisierung des Netzbetriebs. EWE plant nach eigenen Angaben bis 2033 Investitionen von fast zwei Milliarden Euro in die Stromnetzinfrastruktur.
Knotenpunkt der Energiewende: Umspannwerke helfen dabei, wachsende Mengen erneuerbarer Energie sicher ins Stromnetz zu integrieren.
Das Ziel ist dabei nicht nur mehr Kapazität. Das Netz soll auch unter veränderten Bedingungen zuverlässig funktionieren. Der Ausbau verbindet deshalb physische Infrastruktur mit digitaler Überwachung, Prognosen und einer flexibleren Steuerung von Erzeugung und Verbrauch.
Häufige Fragen zum Stromnetzausbau
Kann das Stromnetz durch Wärmepumpen und Elektroautos überlastet werden?
Einzelne neue Anlagen sind für das Niederspannungsnetz in der Regel kein Problem. Wenn jedoch viele leistungsstarke Geräte in einem Gebiet gleichzeitig Strom beziehen, kann lokal eine hohe Belastung entstehen. Deshalb werden die Netze vorausschauend ausgebaut und bei Bedarf zeitweise netzorientiert gesteuert.
Warum muss die Netzfrequenz bei 50 Hertz stabil bleiben?
Im europäischen Verbundnetz beträgt die Nennfrequenz 50 Hertz. Sie bleibt stabil, wenn Stromerzeugung und Stromverbrauch jederzeit im Gleichgewicht sind. Abweichungen zeigen an, dass dieses Gleichgewicht gestört ist. Netzbetreiber gleichen solche Abweichungen laufend aus – unter anderem mit Regelenergie und steuerbaren Anlagen. Leistungsfähige, digital überwachte Netze helfen dabei, Strom sicher zu transportieren und Engpässe zu beherrschen.
Warum werden Windräder manchmal abgeregelt?
Wenn in einer Region mehr Strom erzeugt wird, als das Netz aufnehmen oder weitertransportieren kann, kann die Einspeisung einzelner Anlagen reduziert werden. Der Ausbau von Leitungen und Umspannwerken soll solche Engpässe verringern.
Warum wird überschüssiger Strom nicht einfach gespeichert?
Speicher können Erzeugung und Verbrauch zeitlich verschieben, ersetzen aber nicht jede Leitung. Strom muss weiterhin zwischen Regionen und innerhalb lokaler Netze transportiert werden können. Deshalb werden Speicher und Netzausbau gemeinsam benötigt.
Bedeutet Netzausbau immer neue Stromtrassen?
Nein. Netzausbau kann auch bedeuten, bestehende Leitungen zu verstärken, Transformatoren auszutauschen, Umspannwerke zu erweitern oder Netze zu digitalisieren und besser zu steuern.
Drohen wegen Wärmepumpen und E-Autos Stromausfälle?
Ein steigender Bestand an Wärmepumpen und Elektroautos bedeutet nicht automatisch Stromausfälle. Lokale Netze sind jedoch nicht überall für einen sehr schnellen Zuwachs leistungsstarker Verbraucher ausgelegt. Deshalb planen Netzbetreiber den Ausbau vorausschauend und können bestimmte Verbrauchseinrichtungen bei Bedarf zeitweise netzorientiert steuern.
20 Jahre EWE NETZ – Netze im Wandel
2026 feiert EWE NETZ 20-jähriges Bestehen. Die Netzinfrastruktur in der Region reicht jedoch viel weiter zurück. Seit 2006 kümmert sich EWE NETZ als eigenständige Netzgesellschaft um Betrieb, Ausbau und Weiterentwicklung der Infrastruktur.
Dabei geht es um weit mehr als Strom: Durch die verschiedenen Netze von EWE NETZ fließen auch Erdgas, Trinkwasser, Daten und zukünftig auch Wasserstoff. Die Anforderungen haben sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert – und mit Energiewende und Digitalisierung nimmt dieser Wandel weiter Fahrt auf. EWE NETZ entwickelt seine Netze deshalb kontinuierlich weiter, damit die Infrastruktur auch für die Anforderungen von morgen gerüstet ist.
In Löningen zeigt EWE NETZ konkret, wie das Stromnetz für Photovoltaik, Elektromobilität und weitere Anforderungen der Energiewende verstärkt wird. Hier geht es zum Beitrag.