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    EWE-Expertin: Darum ist grüner Wasserstoff wichtig für die Region

    Noch bis Ende 2023 baut EWE die „Zukunftsleitung“: Zwischen dem LNG-Terminal in Wilhelmshaven und Leer wird Erdgas durch die unterirdische Pipeline strömen, wo von Millionen Haushalte profitieren. Wasserstoff-Expertin Eva Stede erklärt im Interview, warum der alternative Energieträger immer wichtiger wird – und was die Zukunftsleitung damit zu tun hat.

    © Sebastian Vollmert

    EWE baut noch bis Ende 2023 die „Zukunftsleitung“, die primär für den Transport von Erdgas gedacht ist. Ab wann soll auch grüner Wasserstoff durch die Pipeline fließen?

    Eva Stede: Bei der Zukunftsleitung geht es darum, sehr kurzfristig für Versorgungssicherheit zu sorgen. Das Projekt wird deshalb auch in Rekordzeit gebaut. Der Startschuss fiel im April 2023; um den Jahreswechsel sollen alle Bauarbeiten beendet sein. Und ja, die Leitung zwischen Sande und Jemgum dient zunächst primär dem Transport von Erdgas. Nämlich vor allem dem verflüssigten Erdgas, welches am LNG-Importterminal in Wilhelmshaven ankommt, wieder in den gasförmigen Zustand gebracht und von dort aus transportiert und über die angeschlossenen Netze letztendlich zu den Verbrauchern gelangt. Bis zu vier Millionen Haushalte sollen somit versorgt werden. Uns war aber auch wichtig, dass es sich hierbei um ein langfristiges Vorhaben handelt, das auch einen Beitrag im klimaneutralen Energiesystem der Zukunft leisten wird. Wir gehen davon aus, dass ab Ende 2027 statt fossilem Erdgas dann grüner Wasserstoff durch die Transportleitung, unsere Zukunftsleitung, fließen kann.

    Wie zukunftsfähig ist denn die Pipeline im Hinblick auf grünen Wasserstoff?

    Eva Stede: Die Zukunftsleitung ist zwar als Reaktion auf die jüngsten geopolitischen Entwicklungen zu verstehen, hat aber eine langfristige und nachhaltige Perspektive. Denn sämtliche geplanten Transportwege werden sich auch für Wasserstoff eignen. Dieser steht für eine Schlüssel- und Zukunftstechnologie, die eine maßgebliche Rolle bei der Dekarbonisierung der Industrie spielen wird und somit auch beim Erreichen der Klimaziele.

    In welchen Bereichen soll grüner Wasserstoff dann mittelfristig zum Einsatz kommen?

    Eva Stede: Deutschland strebt an, bis 2045 klimaneutral zu werden. Ein klimaneutrales Energiesystem basiert dabei auf zwei Säulen: grüner Strom und grüner Wasserstoff, beziehungsweise Gase, die aus grünem Wasserstoff hergestellt werden. Strom wird in Zukunft eine viel größere Rolle spielen als heute, das liegt an der sogenannten Sektorkopplung. Das bedeutet, dass Strom auch in verschiedenen Bereichen wie Wärme oder Mobilität verstärkt zum Einsatz kommt. Grüner Wasserstoff ist als Ergänzung aus verschiedenen Gründen wichtig: Zum einen ist er besser speicher- und transportierbar. Zudem gibt es auch Bereiche, in denen der Einsatz von Strom nicht ausreicht und grüner Wasserstoff zum Einsatz kommen soll, etwa in der Industrie. Deshalb wird der Einsatz hier auch mit dem Instrument der Klimaschutzverträge von der Bundesregierung gefördert. In der chemischen Industrie, wie bei der Kunststoffherstellung, kommt Wasserstoff bereits zum Einsatz, jedoch handelt es sich dabei um „grauen" Wasserstoff, der meist aus fossilem Erdgas hergestellt wird. Bei der Produktion von grünem Wasserstoff wird ausschließlich Ökostrom verwendet, um Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen.

    Welche weiteren Bereiche werden relevant sein?

    Eva Stede: In der Mobilität wird grüner Wasserstoff beispielsweise bei Schiffen und Flugzeugen zum Einsatz kommen, da Batterien und Direktstrom teilweise an ihre Grenzen geraten. Hier kommen sogenannte Wasserstoffderivate ins Spiel, also Gase oder Energieträger, die aus grünem Wasserstoff hergestellt wurden, wie etwa synthetisches Kerosin für Flugzeuge oder Methanol für Schiffe. Im Straßen- und Schienenverkehr gibt es ebenfalls Anwendungen, in denen grüner Wasserstoff sinnvoll ist. Bei Zügen, insbesondere wenn keine strombetriebenen Oberleitungen vorhanden sind, oder bei Schwertransportern wie Langstrecken-Lkw. Selbst Kühltransporter, die einen erhöhten Energiebedarf haben, könnten mit grünem Wasserstoff betrieben werden.

    Wird grüner Wasserstoff auch im Wärmebereich eine Rolle spielen?

    Eva Stede: Ja, obwohl im Vergleich zu den genannten Sektoren eher in einer untergeordneten Rolle. Flächendeckend in allen privaten Heizungsanlagen wird es keinen Einsatz geben, aber es gibt Vorstellungen, etwa in Wohnquartieren, in denen grüner Wasserstoff denkbar ist. Es könnte auch Fälle geben, in denen die Wärmepumpe allein nicht ausreicht – hier könnte eine Hybridlösung aus Wasserstoff und Wärmepumpe eine Lösung sein. Viel wichtiger wird in Zukunft aber als Anwendungsbereich für Wasserstoff der Stromsektor, weil grüner Wasserstoff auch Energie speichert und dann als eine Art Puffer für das Stromnetz dient. Ähnlich wie es aktuell Erdgaskraftwerke gibt, wird es in Zukunft Wasserstoffkraftwerke geben. Der Fokus bei EWE liegt auf Wasserstofferzeugung aus erneuerbaren Energien, Speicherung in riesigen unterirdischen Kavernen, Transport und auch der Nutzung vor allem im Schwerlastverkehr und in der Industrie. Bei der Produktion unterstützen wir auch schon das Stromsystem.

    Da bei uns in der Region bereits viele Anlagen für erneuerbare Energien vor Ort vorhanden sind und zudem der Strom von den Windparks in der Nordsee anlandet, ist unser Standort im Nordwesten Deutschlands super für die Wasserstoffherstellung geeignet. Wir produzieren den Wasserstoff, wenn viel erneuerbarer Strom vorhanden ist und die Stromnetze an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. In unseren großen unterirdischen Gasspeichern, den Kavernen, können wir den Wasserstoff dann auch im großen Stil speichern. Wenn die Sonne mal nicht scheint oder der Wind nicht weht, kann unser Wasserstoff dann wieder entnommen und zu den Kunden transportiert werden und dort bedarfsgerecht zum Einsatz kommen.

    Noch einmal zurück zur Zukunftsleitung: Auf der einen Seite sollen damit bis zu vier Millionen Haushalte mit Erdgas versorgt werden, gleichzeitig sieht EWE aber hier keinen Schwerpunkt in der Wasserstoffversorgung – das könnte für manche Verbraucher wie ein Widerspruch klingen.

    Eva Stede: Die Zukunftsleitung von Sande nach Jemgum stellt zwar Versorgungssicherheit dar, ist jedoch nicht direkt an die Haushalte der Verbraucher angeschlossen. Hierfür gibt es separate Leitungen, sogenannte Verteilnetze. Die Zukunftsleitung ermöglicht aber kurzfristig, dass die großen Mengen an Gas, die in Wilhelmshaven ankommen, abtransportiert und dann an die Haushalte weiterverteilt werden können. Sobald das Energiesystem diese Leitung nicht mehr für Erdgas benötigt, was schon Ende 2027 der Fall sein könnte, wollen wir diese nützliche Infrastruktur aber weiternutzen. Und dann kommt der Beitrag der Zukunftsleitung für die Wasserstoffversorgung ins Spiel.

    Wie lautet deine Idealvorstellung, wie und wo grüner Wasserstoff im Jahr 2035 zum Einsatz kommt?

    Eva Stede: In all den Sektoren, von denen ich bereits gesprochen habe. Es muss uns gelingen, das gesamte Energiesystem mithilfe von grünem Wasserstoff stabil und widerstandsfähig zu machen, damit wir jederzeit ausreichend Energie zur Verfügung haben. Ich freue mich darauf, in Zukunft in einem Flugzeug zu sitzen, das mit klimaneutralem Kerosin angetrieben wird. Und dass immer mehr Bereiche, die derzeit noch auf fossile Energie angewiesen sind, zunehmend auf Strom und Wasserstoff umstellen.

    Wird der Begriff „Flugscham“ dann aus der deutschen Sprache verschwinden, wenn die Menschen klimaneutral auf die Balearen fliegen können?

    Eva Stede: 2035 wird wahrscheinlich noch zu früh sein, um klimaneutral nach Mallorca zu fliegen. Die Flugzeugindustrie ist derzeit noch etwas träge, da die Modelle eine lange Lebensdauer haben und technologische Entwicklungen deshalb länger dauern. Deutschland strebt an, bis 2045 klimaneutral zu sein – ich kann mir gut vorstellen, dass wir dann auch klimaneutral fliegen werden, falls wir unsere Ziele nicht mit der Bahn erreichen können.

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