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    "Strompreise bewegen sich wieder auf geringerem Niveau"

    Die Strompreise sind in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. Was das mit den Preisschwankungen an der Strombörse zu tun hat, erklärt der Portfolio Manager Lennart Amelsberg, der für EWE Trading an der European Energy Exchange (EEX) mit Strom handelt.

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    Lennart Amelsberg Der Portfolio Manager
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    Lennart Amelsberg (42) ist bereits seit 17 Jahren im EWE-Konzern tätig. Angefangen bei der swb AG als Spothändler im Portfoliomanagement, ist er aktuell verantwortlich für Kraftwerksvermarktung und Grünstromgeschäft bei der EWE TRADING GmbH.

    Hallo Lennart, was verbirgt sich hinter dem Begriff „Strombörse“?

    Lennart Amelsberg: Wenn von der Strombörse die Rede ist, geht es in der Regel um die European Energy Exchange, kurz EEX, in Leipzig. Die EEX ist ein europaweiter Handelsplatz für Energie. Neben Strom werden dort auch andere Rohstoffe gehandelt, und zwar auf dem sogenannten Terminmarkt. Auf Strom bezogen heißt das: Strommengen werden hier langfristig für die nächsten Wochen, Monate, Quartale bis hin zu Jahren gehandelt.

    An der Strombörse wird also Strom gehandelt, der zunächst nur virtuell existiert?

    Lennart Amelsberg: Genau genommen werden Liefervereinbarungen über Strom mit festen Mengen und Preisen zwischen Lieferanten und Abnehmern getroffen, die erst in der mehr oder weniger ferner Zukunft wirksam werden. Sie werden deshalb auch „Futures“ genannt. Der Verkäufer verpflichtet sich darin zur Lieferung des Stroms zu einem bestimmten Zeitpunkt. Der Käufer sagt zu, den Strom abzunehmen und den vereinbarten Preis zu bezahlen. Der kurzfristige Handel findet dagegen am Spotmarkt European Power Exchange (EPEX) in Paris statt. Dort stehen Strommengen für denselben beziehungsweise den nächsten Tag zum Verkauf. Im Fachjargon sprechen wir vom „Intraday-“ beziehungsweise „Day-Ahead-Handel“. Im Intraday-Handel können Strommengen in Intervallen von einer Viertelstunde gehandelt werden. Damit können Stromversorger ihren kurzfristigen Bedarf decken und schnell auf Veränderungen von Angebot und Nachfrage reagieren.

    Was haben Käufer und Verkäufer von langfristigen Lieferverträgen?

    Lennart Amelsberg: Produzenten haben die Sicherheit, dass der von ihnen künftig produzierte Strom abgenommen wird, sie haben Absatz und Einnahmen, mit denen sie kalkulieren können. Die Käufer wiederum sichern sich eine Strommenge zu einem garantierten Preis, er ist für diese vertraglich zugesicherte Menge unabhängig von künftigen Preisschwankungen.

    Handeln auch Privatpersonen an der Strombörse?

    Lennart Amelsberg: Vor allem die großen Stromerzeuger bieten an der EEX ihre Produkte an, ihnen gegenüber stehen Versorgungsunternehmen wie zum Beispiel Stadtwerke, die ihnen den Strom abnehmen. Privatleute sind nicht an der EEX zugelassen.

    Welche Rolle nimmt EWE dabei ein?

    Lennart Amelsberg: EWE ist mit der Tochterfirma EWE Trading an der EEX aktiv. Wir vertreiben dort den Strom, der im Konzern mit unseren Kraftwerken produziert wird – das ist unter anderem meine Aufgabe als Asset Trader. Entsprechend kaufen wir dort auch Strommengen ein, die wir für unsere Vertriebe benötigen. Des Weiteren beschaffen wir langfristig Rohstoffe, die zur Stromerzeugung benötigt werden.

    Auf dem Terminmarkt der Strombörse geht es, wie du sagst, um Lieferungen in der Zukunft. Niemand kann aber genau voraussehen, wie sich der Energiemarkt entwickelt, geschweige denn, ob politische oder andere Ereignisse den Markt beeinflussen. Wie werden die Preise auf dem Terminmarkt der Strombörse ermittelt?

    Lennart Amelsberg: Das funktioniert anhand von Erzeugerpreisen und anhand von Angebot und Nachfrage – beziehungsweise anhand der Prognosen dazu. Ein Käufer hat die Bereitschaft, Strom zu einem bestimmten Preis zu kaufen. Der Verkäufer ist aber beispielsweise nur bereit, ab einem bestimmten Preis, der sich an den Erzeugungskosten orientiert, zu verkaufen. Wenn auf beiden Seiten Einigkeit über diese Annahmen herrscht, kommt ein Geschäftsabschluss zustande.

    Das klingt ein bisschen so, wie in eine Glaskugel zu schauen.

    Lennart Amelsberg: Die Annahmen basieren natürlich auf detaillierten Marktinformationen und den Einschätzungen von Experten über künftig erzeugte Strommengen oder Konjunkturdaten. Das geschieht laufend anhand immer wieder aktualisierter Daten von Tag zu Tag. Und je nachdem, welche Prognosen sich aus den Marktinformationen ableiten lassen, werden Verkäufer oder Käufer aktiv. Dadurch verändert sich der Preis für neu abzuschließende Liefervereinbarungen, der Strom an der Börse wird teurer oder günstiger. Insbesondere für weiter entfernt liegende Zeiträume mit einer hohen Prognoseunsicherheit preisen Marktteilnehmer häufig eine Risikoprämie ein. Es könnte ja sein, dass der nächste Winter kälter und länger wird – und daher Bedarf und Nachfrage höher sind. Oder dass das Angebot verknappt wird, weil Kraftwerke ausfallen. Solche Aspekte werden bei der Preisermittlung mit eingerechnet.

    Als Folge des Krieges in der Ukraine sind die Strompreise 2022 stark gestiegen. Was ist da an der Strombörse passiert?

    Lennart Amelsberg: Der Preis für Erdgas schoss in die Höhe. Und da ein Teil des in Deutschland verbrauchten Stroms durch Erdgas erzeugt wird, stiegen auch die Strompreise. Dabei spielte auch eine Rolle, dass der Strompreis an den kurzfristigen Spotmärkten nach dem Merit-Order-Prinzip bestimmt wird. Ein anderer Effekt war die Sorge, ob im Zuge des Ukraine-Krieges überhaupt genügend Energiemengen zur Verfügung stehen würden. Versorgungsunternehmen versuchten, sich durch den Abschluss von Lieferverträgen abzusichern. Auch das trieb die Preise sowohl an der Strombörse als auch auf den Spotmärkten nach oben. Inzwischen bewegen sich die Preise wieder auf einem deutlich geringeren Niveau.

    Wie wirkt sich denn das Merit-Order-Prinzip auf den Strompreis aus?

    Lennart Amelsberg: Bei diesem Prinzip kommt zuerst der Strom derjenigen Kraftwerkbetreiber auf den Markt, die ihn zum günstigsten Preis anbieten. Das sind in der Regel Anlagen, die erneuerbare Energie erzeugen. Anschließend kommt in aufsteigender Reihenfolge der Strom weiterer Kraftwerke zum Einsatz, bis der aktuelle Bedarf komplett gedeckt ist. Das letzte noch eingesetzte Kraftwerk bestimmt dann den Strompreis – und zwar für den gesamten gelieferten Strom. Und das ist sehr oft ein Gaskraftwerk.

    Haben hohe Preise an der Strombörse automatisch auch hohe Verbraucherkosten zur Folge?

    Lennart Amelsberg: Nicht unmittelbar und nicht sofort. Viele Kunden haben auch längerfristige Lieferverträge mit fixen Preisen. Aber generell beeinflussen die Strompreise an der Börse natürlich auch die Preise, die die Verbraucher bezahlen. Dazu muss man zwei Dinge wissen: Erstens wird nicht der gesamte benötigte Strom am Spotmarkt der EPEX gehandelt. Ein größerer Teil des Stroms wird im Terminmarkt der Börse gehandelt, i.d.R. mittels eines Brokers auf einer Online-Plattform. Der Strompreis, der sich für Verbraucher beispielsweise im Jahr 2024 bildet, ergibt sich somit als ein Mischpreis aus langfristiger und kurzfristiger Absicherungsstrategie. Zweitens kommen beim Verbraucherpreis noch Steuern, Umlagen und Netzentgelte hinzu; sie machen einen Großteil des Strompreises aus. Das bedeutet, dass etwa die Hälfte dessen, was Verbraucher für ihren Strom ausgeben müssen, gar nicht von Marktentwicklungen an der Strombörse bestimmt wird.

    Wohin werden sich die Strompreise mittelfristig entwickeln?

    Lennart Amelsberg: Das hängt davon ab, ob die aktuellen Krisen und Kriege gelöst oder eingedämmt werden können, die ja auch Einfluss auf die Weltwirtschaft haben. Des Weiteren spielen natürlich auch politische und regulatorische Vorgaben eine Rolle. Aber mein Eindruck ist, dass die Preisschwankungen in diesem und im nächsten Jahr nicht mehr so extrem ausfallen werden. Das Angebot zeigt sich derzeit relativ stabil bei einer eher schwächeren Nachfrage. Der Anteil kostengünstig zu erzeugender Erneuerbarer Energien wächst stetig weiter und die Sorge vor Versorgungsengpässen ist vorerst in den Hintergrund gerückt.

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