Die beiden engagieren sich mit einem besonderen Veranstaltungsformat in den Leader-Regionen Kehdingen-Oste und der Hadler Region. Ziel ist es, Menschen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen und Raum für ehrlichen Austausch zu schaffen. Im Mittelpunkt steht ein einfaches, aber wirkungsvolles Prinzip: sprechen und zuhören.
Raum für echte Gespräche
Das Format unterscheidet sich deutlich von klassischen Diskussionsrunden. Es geht nicht darum, Argumente auszutauschen oder Positionen zu verteidigen. Vielmehr steht im Vordergrund, dass Menschen erzählen, was sie persönlich bewegt. „Wir wollen keinen Schlagabtausch von Argumenten. Uns interessiert, was Menschen innerlich bewegt, wenn sie über ein Thema sprechen“, erklärt Ulrich Brachthäuser.
Die Methode „Sprechen und Zuhören“, mit der die Provinzwerkstatt arbeitet, haben die Initiatoren bei Mehr Demokratie e. V. kennengelernt und anschließend selbst vertieft. Die Veranstaltungen folgen klaren Regeln. Nach einer gemeinsamen Einführung werden die Teilnehmenden in kleine Vierergruppen aufgeteilt. Jede Person erhält die gleiche Redezeit, während die anderen zuhören. Erst danach wird gewechselt. Dieses strukturierte Vorgehen sorgt dafür, dass alle zu Wort kommen und niemand dominiert. „Wir garantieren, dass in unseren Veranstaltungen alle zu gleichen Anteilen sprechen können“, sagt Brachthäuser. „Gerade das Zuhören ist etwas, das in unserer Gesellschaft nicht immer gut geübt ist.“ Die Gesprächsrunden dauern meist rund zweieinhalb Stunden und bestehen aus mehreren Durchgängen. Mit jeder Runde vertiefen sich die Gespräche.
Verbindung statt Schlagabtausch
Für Barbara Schubert liegt die Stärke des Formats vor allem darin, dass es Perspektivwechsel ermöglicht. Menschen begegnen sich nicht als Vertreter einer Meinung, sondern als Personen mit eigenen Erfahrungen. „Es geht darum, aufeinander zuzugehen und sich in die andere Seite hineinzuversetzen“, erklärt sie. „Das schafft Verbindung. Und erst wenn es diese Verbindung gibt, können Menschen wieder konstruktiv miteinander streiten.“ Die Erfahrung zeigt, dass sich die Stimmung während der Veranstaltungen häufig verändert. Anfangs bringen viele Teilnehmende klare Meinungen oder auch Skepsis mit. Doch in den kleinen Gesprächsrunden entsteht oft eine andere Atmosphäre. „Viele merken plötzlich, dass sie mit ihren Sorgen oder Gedanken nicht allein sind“, sagt Schubert. „Aus Resignation kann Mut entstehen.“
Vom Gespräch zur gemeinsamen Idee
Ein Beispiel zeigt, welche Dynamik entstehen kann. In einer Gemeinde ging es ursprünglich um den Umgang mit Krisen und Unsicherheiten. Nach mehreren Veranstaltungen beschlossen einige Teilnehmende, selbst aktiv zu werden. „Am Ende haben sich 18 Menschen zusammengefunden, die ein konkretes Projekt für ihr Dorf starten wollten“, berichtet Brachthäuser. „Das ist natürlich großartig, wenn aus Gesprächen Engagement entsteht.“ Solche Entwicklungen sind zwar kein festes Ziel der Veranstaltungen, aber eine häufige Nebenwirkung. Wenn Menschen feststellen, dass sie ähnliche Interessen teilen, entstehen neue Ideen fast von selbst.
Warum gerade der ländliche Raum?
Dass das Projekt bewusst im ländlichen Raum stattfindet, hat mehrere Gründe. Für Barbara Schubert spielt auch die persönliche Verbundenheit eine Rolle. „Ich lebe gerne auf dem Land, weil es hier so viel Potenzial gibt“, sagt sie. „Hier lässt sich viel entwickeln.“ Auch Ulrich Brachthäuser sieht Vorteile. „Viele Dinge lassen sich hier allein durch Engagement schneller realisieren als in einer Großstadt, weil die Wege oft kürzer sind“, erklärt er.
Ein Beitrag zur demokratischen Kultur
Neben der lokalen Beteiligung verfolgen die Initiatoren ein größeres Ziel: den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. „Demokratie lebt davon, dass Menschen einander verstehen“, sagt Brachthäuser. „Dazu braucht es Austausch und die Bereitschaft, andere Lebenssituationen wahrzunehmen.“
Auch Barbara Schubert sieht darin eine wichtige Aufgabe. „Wenn wir es nicht schaffen, wieder aufeinander zuzugehen, verschärfen sich Resignation und Ausgrenzung“, erklärt sie. „Solche Formate können zeigen, dass es andere Wege gibt.“ Die Veranstaltungen sind bewusst ergebnisoffen. Es geht nicht darum, eine gemeinsame Position zu erzwingen. Vielmehr sollen unterschiedliche Sichtweisen nebeneinanderstehen können.
Unterstützung durch die EWE Stiftung
Dass das Projekt in dieser Form umgesetzt werden kann, hängt auch mit der Förderung durch die EWE Stiftung zusammen. Die Stiftung unterstützt Initiativen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Beteiligung stärken. Für die Provinzwerkstatt ist diese Unterstützung ein wichtiger Baustein. Denn die Organisation solcher Veranstaltungen erfordert deutlich mehr Aufwand, als es auf den ersten Blick scheint. „Ohne die Mittel der EWE Stiftung würde es dieses Projekt in dieser Form gar nicht geben“, sagt Ulrich Brachthäuser.
Allein die Vorbereitung jeder einzelnen Veranstaltung ist umfangreich. Themen müssen entwickelt, lokale Kooperationspartner gewonnen und Termine abgestimmt werden. Hinzu kommen Organisation, Öffentlichkeitsarbeit, Einladungen und die Suche nach geeigneten Veranstaltungsorten. „Wir arbeiten fast immer mit Partnern vor Ort zusammen. Diese Kooperationen aufzubauen und die Veranstaltungen vorzubereiten, kostet viel Zeit und Energie“, erklärt Brachthäuser. Die geplanten rund 20 Veranstaltungen in der Region ließen sich kaum allein ehrenamtlich organisieren. Die Förderung ermöglicht es dem Team, die Gesprächsformate professionell vorzubereiten und über einen längeren Zeitraum anzubieten.
Neben der Förderung durch die EWE Stiftung erhält das Vorhaben Mittel aus dem europäischen LEADER-Programm zur Entwicklung ländlicher Regionen. Dafür sind ergänzende Gelder erforderlich. „Für die LEADER-Förderung braucht man immer zusätzliche Mittel. Der Beitrag der EWE Stiftung wird dafür anerkannt und hilft uns sehr“, erklärt Brachthäuser.
Ein Gespräch kann der Anfang sein
Für Barbara Schubert und Ulrich Brachthäuser steht fest: Gespräche wie diese sind kein einmaliges Ereignis. Sie sind ein Prozess, der immer wieder neu beginnen muss. „Beziehungsarbeit lässt sich nicht einmalig erledigen“, sagt Schubert. „Man muss immer wieder neu aufeinander zugehen.“
Gerade deshalb sei es wichtig, Orte zu schaffen, an denen Menschen sich austauschen können. Nicht, um sofort Lösungen zu finden, sondern um einander zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. „Ich wünsche mir mehr Formate, die Menschen wieder befähigen, aufeinander zuzugehen“, sagt Brachthäuser. „Denn unsere Demokratie lebt davon, dass wir miteinander im Gespräch bleiben.“ Vielleicht beginnt Veränderung manchmal genau dort: an einem Tisch, in einer kleinen Gruppe, mit einer einfachen Frage und Menschen, die bereit sind, zuzuhören.
ProvinzWerkstatt e.V. ist eine Initiative, die sich für gesellschaftlichen Dialog und demokratische Beteiligung im ländlichen Raum einsetzt. Sie organisiert Formate, in denen Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten miteinander ins Gespräch kommen können. Ein Schwerpunkt liegt auf der Methode „Sprechen und Zuhören“, die einen strukturierten Austausch ermöglicht und bewusst Raum für persönliche Erfahrungen schafft. Ziel ist es, Verständnis zwischen verschiedenen Perspektiven zu fördern und neue Impulse für gemeinsames Engagement vor Ort zu geben.