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    So tragen Gasspeicher zur sicheren Energieversorgung bei

    Der Ukraine-Krieg hat im Jahr 2022 eine internationale Energiekrise ausgelöst, deren Folgen bis heute spürbar sind. Vor allem die Lieferung von bezahlbarem Gas stand damals auf der Kippe. Plötzlich rückten die Füllstände von Gasspeichern in den Blickpunkt und dazu die bange Frage: Kommen wir damit aus? Die Marktsituation hat sich inzwischen ein wenig entspannt. hallonachbar.de erklärt, wie Gasspeicher überhaupt funktionieren und welche Rolle sie für eine zuverlässige Energieversorgung spielen.

    © Thorsten Ritzmann

    Wie viel Gas wurde 2023 in Deutschland verbraucht?

     In Deutschland betrug der Gasverbrauch nach Angaben der Bundesnetzagentur im Jahr 2023 rund 810.400 Gigawattstunden, das waren etwa fünf Prozent weniger als im Jahr zuvor. Auf Haushalte und Gewerbetriebe entfielen dabei 41 Prozent, auf die Industrie 59 Prozent. Der Verbrauch wird in Wattstunden angegeben, weil das Volumen von Gas in Kubikmetern je nach Druck und Temperatur variieren kann. Das in den meisten deutschen Regionen verfügbare H-Gas weist einen Brennwert von gut 11 kWh/m3 auf. Legt man diese Zahl für eine Umrechnung zugrunde, entspricht der Verbrauch im vergangenen Jahr etwa 73 Milliarden Kubikmetern Gas bundesweit.

    Woher und wie kommt das Gas nach Deutschland?

     Deutschland kann etwa fünf Prozent seines Gasbedarfs durch einheimische Förderung decken. Die restliche Menge wird aus verschiedenen Ländern eingeführt. 2023 kam mit 43,5 Prozent der größte Anteil aus Norwegen, gefolgt von den Niederlanden mit 25,8 Prozent und Belgien mit 21,9 Prozent. Der überwiegende Teil des Gases gelangt über Pipelines zu uns. Etwas weniger als zehn Prozent wurden 2023 als Flüssigerdgas (LNG) über den Seeweg an sogenannte LNG-Terminals geliefert.

    Und wohin gelangt es?

     Das Gas wird über das sehr kleinteilig verzweigte Gasnetz einerseits direkt zu den Kundinnen und Kunden transportiert, und andererseits zu den unterirdischen Gasspeichern, um dort zwischengespeichert zu werden. Etwa 40 Gasspeicherstandorte gibt es deutschlandweit, vor allem in Norddeutschland. Die Lage der Speicher hat vor allem geologische Ursachen, da die Poren- und Kavernenspeicher natürliche Begebenheiten nutzen. In den deutschen Speichern können bis zu 25 Milliarden Kubikmeter Gas lagern. Damit hat Deutschland die größte Gasspeicherkapazität in Europa. EWE betreibt mit der Tochterfirma EWE GASSPEICHER GmbH an vier Standorten in Niedersachsen und Brandenburg 37 sogenannte Kavernenspeicher. Kavernen werden in riesigen Salzstöcken tief unter der Erde errichtet. Die Kavernen von EWE liegen in einer Tiefe von mehr als 1.000 Metern und haben ein Fassungsvermögen von insgesamt zwei Milliarden Kubikmetern. Mit dieser Menge könnten eine Million Haushalte ein Jahr mit Gas versorgt werden.

    Wie funktioniert ein Gasspeicher?

     Der überwiegende Teil der Gasspeicher ist an das Fernleitungsnetz angeschlossen, das in Deutschland ca. 40.000 Kilometer umfasst und von 16 verschiedenen Unternehmen betrieben wird. Über dieses Netz gelangt das Gas zu den Speicheranlagen. Dort strömt das Gas über die Gasmengenmessung, bevor es dann durch große Verdichter auf den nötigen Kavernendruck komprimiert wird, um es in die unterirdischen Kavernen zu füllen. Dieser Vorgang, der überwiegend im Sommer, also einer eher verbrauchsarmen Zeit stattfindet, wird Einspeichern genannt. Im Speicher lagert das Gas. Durch die Gegebenheiten im Hohlraum nimmt es Feuchtigkeit an. Deshalb muss es nach dem Ausspeichern, der Entnahme aus der Kaverne, vorgewärmt und getrocknet werden. Anschließend – hauptsächlich in den Wintermonaten, in denen des Gasbedarf deutlich höher ist als im Sommer, wird es wieder über die Gasmengenmessung in das Fernleitungsnetz eingespeist. Beide Vorgänge verlaufen vollautomatisch je nach Bedarf der Speicherkunden – ein nahezu perfekter Kreislauf.

    Wer nutzt die Gasspeicher?

     Man kann sich einen Gasspeicher wie ein großes Lagerhaus vorstellen, in dem die Speicherkunden, zumeist Gashandelsunternehmen, Platz für ihre Ware, das Gas, buchen können.

    Die Speicherkunden nutzen die Speicherkapazitäten, um die Gasmengen von den nationalen und internationalen Lieferanten bedarfsgerecht zu strukturieren – ein riesiges “Puffersystem”. Damit ist es ihnen möglich, das Erdgas zeitlich und mengenmäßig bedarfsorientiert und sicher an Energieversorgungsunternehmen und damit an die Verbraucher weitergeben zu können.

    Der Gasspeicherprozess ist komplett automatisiert, sodass das Ein- und Ausspeichern vollautomatisch abläuft. Die Überwachung der Prozesse wird dabei über eine zentrale Leitstelle sichergestellt.

    Warum sind Speicher überhaupt wichtig für die Gasversorgung?

     Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie wichtig es ist, über ausreichend Gasvorräte zu verfügen. Der Wegfall der russischen Lieferungen konnte 2022 nur kompensiert werden, weil zunächst noch Gas in den Speichern gelagert war und die zur Neige gehenden Speicher schließlich im Laufe des Jahres durch Gasimporte aus anderen Ländern wieder gefüllt werden konnten. Aber auch aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen können unvorhergesehen Lieferungen ausfallen oder sich verzögern. In solchen Fällen sichern Speicher die Gasversorgung – in Deutschland bis zu drei Monate, falls notwendig. Außerdem können Gasspeicher auch kurzfristige Verbrauchsschwankungen ausgleichen und so die kontinuierliche Versorgung bei Verbrauchsspitzen gewährleisten. Ein weiterer Vorteil: Gasspeicher sorgen für Preisstabilität. Indem Händler Gas einkaufen, wenn die Preise am Markt günstig sind, und es anschließend in einem Speicher lagern, entgehen sie Preiserhöhungen bei einem Anstieg der Nachfrage zum Beispiel im Winter.

    Wie voll sind die Speicher denn aktuell?

     Mitte Februar 2024 liegt der Füllstand der deutschen Gasspeicher laut Bundesnetzagentur bei mehr als 70 Prozent. Gesetzlich vorgeschrieben sind zu diesem Zeitpunkt im Jahr – Stichtag ist 1. Februar – mindestens 40 Prozent. Die Bundesregierung hatte angesichts der durch den Ukrainekrieg ausgelösten Energiekrise noch weitere Mindestfüllstände vorgeschrieben: So müssen Gasspeicher jeweils zum 1. Oktober eines Jahres zu 85 Prozent und zum 1. November zu 95 Prozent befüllt sein. Die aktuell gute Versorgungslage ist vor allem auf den vergleichsweise milden Winter zurückzuführen – die Haushalte mussten im Durchschnitt weniger Gas fürs Heizen verwenden. Aber auch der Verbrauch der Industrie ist im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre von 2018 bis 2021 leicht gesunken.

    Wie kommt das Gas von den Speichern zu den Verbrauchern?

     Zusätzlich zum Fernleitungsnetz existiert in Deutschland ein Verteilnetz für Gas, das 555.000 Kilometer umfasst und den Energieträger bis in die einzelnen Haushalte, Unternehmen und öffentliche Einrichtungenbringt – zu den Verbrauchern also Im Fernleitungsnetz fließt das Gas mit einem Druck von bis zu 100 bar. In einer Übergabestation wird dieser Druck zunächst reduziert, bevor das Gas in das jeweilige Verteilnetz eingespeist wird. Für den Weitertransport des Gases sind etwa 700 Verteilnetzbetreiber zuständig, aufgeteilt nach Netzgebieten. In jedem Netzgebiet gibt es nur einen Netzbetreiber, zu dessen Aufgaben der Auf- und Ausbau sowie die Erhaltung des Gasnetzes gehören – und der Anschluss der Haushalte an das Verteilnetz.

    Wie sieht die Zukunft von Gasspeichern aus?

    Gasspeicher werden auch in Zukunft für eine sichere Versorgung gebraucht. Auf dem Weg in die Klimaneutralität bis 2045 steht aber auch die Energieversorgung vor einem Transformationsprozess, der bereits begonnen hat. Unterirdische Kavernen spielen dabei eine wesentliche Rolle, denn in ihnen kann auch grüner, aus erneuerbaren Energien erzeugter Wasserstoff gelagert werden. Der Energiedienstleister EWE testet im Rahmen seines Forschungsvorhabens HyCAVmobil an seinem Gasspeicherstandort im Brandenburgischen Rüdersdorf gerade den Betrieb einer kleinen Wasserstoffkaverne. Warum es sinnvoll ist, Wasserstoff zu speichern, erläutert EWE-Projektleiter Hayo Seeba in einem Interview.

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